9. Philharmonisches Konzert | Trügerischer Frieden

Foto: Björn Hickmann
Clemens Berg und Andreas Stoehr zu Gast beim 9. Philharmonischen Konzert.
Musik um Krieg und Frieden prägt das Programm des 9. Philharmonischen Konzerts am Mittwoch 5. und Donnerstag 6. Mai 2010 um 20 Uhr in der Philharmonie Mercatorhalle. Die Duisburger Philharmoniker spielen unter der Leitung des österreichischen Dirigenten Andreas Stoehr, der von 2001 bis 2009 an der Deutschen Oper am Rhein wirkte und hier besonders mit Maßstab setzenden Aufführungen des Barock-Repertoires bei Presse und Publikum große Erfolge feiern konnte. Metiersicherheit, Intuition und ein fundiertes stilgeschichtliches Wissen kennzeichnen die Arbeit des Musikers, der zuvor schon als Gastdirigent in Prag und als Musikdirektor der Pariser Opéra Comique engagiert war.
Neben der Barockoper widmet sich Andreas Stoehr besonders Mozart und dem französischen Repertoire; überdies ist er ein leidenschaftlicher Anwalt der Moderne. Als Konzertdirigent arbeitete er mit Orchestern wie den Münchner und Wiener Symphonikern, dem Ensemble Orchestral de Paris, dem Orchestre National de Lille sowie dem Rotterdam Philharmonic Orchestra. In dieser Saison ist er außerdem als Gast an den Opernhäusern von Genf, Kopenhagen und Stockholm zu erleben.
Im Auftrag des Londoner Konzertveranstalters Johann Peter Salomon schrieb Joseph Haydn 1794 seine Sinfonie G-Dur Hob. I:100, die aus gutem Grund unter dem Namen „Militärsinfonie“ bekannt ist. Im anmutigen Wechsel von Streichern und Holzbläsern beginnt der zweite Satz. Da fallen plötzlich mit kriegerischer Urgewalt Blech und Schlagzeug ein. Das militärische Intermezzo ist freilich nur von kurzer Dauer, dann kehrt der – trügerische –Frieden wieder ein. Haydns Londoner Publikum liebte solche Späße. Aber erkannte es auch ihren Hintersinn, der das gärende Revolutionsklima der Epoche und die angstbesetzte Restaurationspolitik der europäischen Monarchien reflektierte? In diesem Kontext gibt Andreas Stoehr auch den beschaulichen Naturbildern in Beethovens „Pastorale“ einen ganz neuen Sinn.
Gar so weit ist der Weg nicht von Metternichs Polizeistaat zur stalinistischen Sowjetunion, in der der Deutsch-Russe Alfred Schnittke (1934-1998) aufwuchs. Mit seinem Konzert für Klavier und Streichorchester stellt sich der junge Pianist Clemens Berg in Duisburg vor. 1987 in Rostock geboren, übersiedelte er 2005 mit seiner Familie nach Graz und absolvierte ein Klavierstudium an der dortigen Kunstuniversität bei Markus Schirmer. Clemens Berg war mehrfach bei großen Klavierwettbewerben erfolgreich und hat auch bereits auf der Kino-Leinwand debütiert: als Schauspieler in dem Film „Pingpong“, der 2006 bei den Filmfestspielen in Cannes prämiert wurde.
9. Philharmonisches Konzert
Andreas Stoehr Dirigent
Clemens Berg Klavier
Joseph Haydn Sinfonie G-Dur Hob. I:100 „Militärsinfonie“ Alfred Schnittke Konzert für Klavier und Streichorchester op. 136
Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 „Pastorale“
Mi 05. / Do 06. Mai 2010, 20.00 Uhr
Philharmonie Mercatorhalle






09:47 Uhr
Kleiner Einspruch: Haydns “Militärsymphonie” habe ich zwar immer auch mit Militär- und Janitscharenmusik in Verbindung gebracht, aber bisher noch nie mit direkt Kriegerischem. -
Vielleicht spielt da aber auch meine eigene Vorgeschichte mit hinein. Mein völlig unmilitärischer Salzburger Großvater (es hätte für ihn nicht zwei Weltkriege dazu gebraucht) hatte paradoxerweise Militärmusik, insbesondere Marschmusik, bevorzugt gerne. An Sonntagvormittagen ist er deswegen, wann immer es ging, mit mir, seinem kleinen Enkel, in den Mirabellgarten zum Promenadenkonzert der Magistrats-, Polizei- oder Eisenbahnerkapelle gegangen. Tschinellen, kleine und große Trommeln, Triangeln haben mich dabei besonders beeindruckt. Ob ich durch diese frühe Kenntnis dieser Art von Musik später Sinn bekommen habe für die versprengten Märsche (und Ländler) der Mahlerschen Symphonien? – Und schon vorher für das Militärmusikalische in Haydns 100. und in Schuberts Märschen und in der Romanwelt Joseph Roths?
Nebenbei: War nicht auch der Vater des großen Dirigenten Ferenc Fricsay ein K.u.k.-Militärkapellmeister?