06. Mai, 2010

9. Philharmonisches Konzert | Abgründige Harmonie


Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Mit einer Gratulationadresse an die  Gesellschaft der Freunde der Philharmoniker e.V. von unserem Cellisten Friedman Dreßler begann das 9. Philharmonische Konzert. Schließlich feiert der Freundeskreis 15-jährigen Geburtstag und ohne die Unterstützung wären etliche Projekte und Konzerte wohl nicht möglich. Das war die erste Besonderheit des heutigen Abends.

Die zweite Besonderheit war die Zugabe, die Clemens Berg nach dem Konzert für Klavier und Streichorchester von Alfred Schnittke gab. Es war der zweite Satz der Klaviersonate Nr. 15, op. 28. Ebenso wie die sechste Sinfonie Beethovens, die nach der Pause erklang, hat diese Sonate den Beinamen “Pastorale”. Der zweite Satz passe, so Clemens Berg, am Besten als Verbindungselement zwischen Schnittke und der nachfolgenden Sinfonie desselben Namens.

Am Anfang stand aber Haydn. Dessen Londoner Publikum muss eines mit Sinn für Humor gewesen sein – denn in den Londoner Symphonien gibt es häufig ein komponiertes Augenzwinkern. Dazu gehört in der Sinfonie mit dem Paukenschlag eben dieser unerwartete Einsatz der Pauke und ebenso unerwartet mischt sich in der Symphonie G-Dur Hob. I:100 „Militärsinfonie“ Blech und Schlagzeug in die Idylle des zweiten Satzes. Und auch im letzten Satz mischen sich die militärischen Akzente hinein. Ein vordergründiger Affekt um des Witzes willen – vielleicht. Oder lauert da unter der Harmonie etwa doch noch mehr?

Diese Frage war bei dem Konzert für Klavier und Streichorchester von Alfred Schnittke eine, die nur eine Antwort verdient – ein klares Ja. Wobei Schnittke zwar über die Grenzen der Tonalität hinausgeht, aber seine Themen entstehen aus reinen Moll- und Durdreiklängen. Diese werden zu Beginn des Konzerts vom Klavier aus entwickelt, während die Streicher sich allmählich leise einbringen. Schnittke bedient sich aus dem großen Fundus der Moderne, ein Thema erinnert dann andererseits wieder an alte russische Kirchegesänge. Das klingt zu Beginn alles friedlich und harmonisch, doch unvermittelt reißt der Abgrund in der Musik auf, das Klavier hämmert rhythmisch und bedrohlich. Was unter der Oberfläche liegt kann kaum durch die Harmonie gemindert werden. Ein eindrucksvolles Konzert, das an den Pianisten höchste Anspruche stellt.

Dagegen ist Beethovens Schilderung des Landlebens in der 6. Symphonie tatsächlich – bis auf das Gewitter abgesehen – reine Idylle. Ob sie auch Programm-Musik, die Schilderung von Begebenheiten in Musik ist? Einerseits hat Beethoven Vogelrufe eigenhändig in der Partitur vermerkt, andererseits wollte er das Ganze nicht im Sinne der Malerei verstanden wissen. Eine Programm-Sinfonie mit durchgehender Handlung ist Beethovens Sinfonie ebenfalls nicht. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden ob diese Musik etwas schilder oder nicht. Mit ihrer pastoralen Heiterkeit und den fünf Sätzen ist sie aber vor allem eines: Typisch Beethoven.

Von Christian Spließ

Kommentare

  1. Günter Landsberger 6. Mai 2010
    19:46 Uhr

    Vorsicht Idylle!
    Dass Vorsicht geboten ist bei zu eilfertiger Rubrizierung, hat Wilhelm Raabe in seinem späten Roman “Hastenbeck” einmal sehr anschaulich deutlich gemacht. Die “Idyllen” des Salomon Gessner werden da gesehen vor dem blutigen Hintergrund des Siebenjährigen Krieges. Der nicht sehr leseerprobte Kriegsmann Uttenberger (so heißt er, wenn mein Gedächtnis nicht trügt) findet auf dem Schlachtfeld ein von einer Kugel durchschossenes Exemplar dieser Gessnerschen Idyllen, nimmt es mit – es wird fortan SEIN Buch, sein sein Leben begleitendes Buch.

9. Philharmonisches Konzert

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