24. Februar, 2011

7. Philharmonisches Konzert | Rhythmusbeben




Orgel - Eule - Philharmonie Mercatorhalle - Spieltisch

Photo: Christoph Müller-Girod



Drei Werke – ein verbindendes Element: Rhythmus.


Während Bela Bartok diesen in seiner Tanzsuite zur 50-Jahres-Feier von Budapest als wirbelnden Orchesterklang inszeniert, leitete Joseph Jongens “Symphonie Concertante für Orgel und Orchester” ein sehr akzentuiertes Fugato ein – und Beethoven schafft in der Fünften Symphonie mit Kurz-Kurz-Kurz-Lang einen ganzen ersten Satz.

1923 entstand Bartoks “Tanzsuite” Sz 77 für Orchester – beziehungsweise für Klavier – als Auftragsarbeit zur 50-Jahres-Feier der Zusammenlegung der Städte Buda und Pest zu Budapest. Ebenso übrigens wie seine Kollegen Kodály und Ernö von Dohnányi. Die “Verbrüderung der Völker” feiert Bartok in diesem etwa eine Viertelstunde dauerndem Werk, dass einen mächtigen Orchesterapparat in den Konzertsaal stellt. Ein ganzes Arsenal von Schlagwerk, dass effektvoll zur Geltung kommt, miteinbegriffen. Ebenfalls wie Celesta und Konzertflügel – wobei der Celesta-Spieler auch kurz an den Flügel wechselt um den Klavierspieler in einer vierhändigen Passage zu unterstützen. Bartok stellt die Verwandschaft zwischen orientalischer und ungarischer Musiksprache in den Vordergrund. Wichtig ist ihm dabei, dass diese Motive möglichst aus volkstümlicher Herkunft bestehen. Einerseits merkt man das an der Tonsprache, andererseits an den Rhythmen, die das Werk durchbeben. Orientalische Elemente sind in Satz 1 und 4 zu hören – Satz 2 ist ungarischen Charakters. Im dritten Satz mischt sich Ungarisches mit Rumänischem. Schlussendlich ist der letzte Satz dann von Bartok als “primitiv-bäuerlich” bezeichnet wurden. Bartok benutzt dabei das volkstümliche Repertroi und gibt ihm mit den Dissonanzen in den lebhafteren Sätzen einen ganz besonderen Flair. In den ruhigeren Momenten, wenn Flöte und Harfe dominieren, kann man eine Mondnacht an der Donau assoziieren. Die Lebendigkeit des letzten Satzes rundet die Suite ab.

Die “Sinfonia Concertante”, diese eigenartige Mischform aus Solokonzert und selbstständiger Symphonie – bis zu 9 Soloinstrumente können hier zum Orchester dazustoßen – war zwischen 1770 und 1825 von Komponisten sehr geschätzt. Joseph Jongen, Schüler von Vincent d’Indy, wurde von den Zeitgenossen für sein “kraftvolles, rhythmisches” Orgelspiel gelobt. Dieses kraftvoll-rhythmische floss in die “Symphonie Concertante für Orgel und Orchester op. 81″ von 1926 im Orgelpart durchaus mit ein. Da Orgel und Orchester sich hier in einem eindrucksvollem Gesamtklang finden, ist die Bezeichnung “Symphonie concertante” passend. Wobei in modernen Werken sich die Heraushebung des Soloinstrumentes bei einem Konzert mehr und mehr in Richtung “Partnerschaft” als “Alleinstellung” verschiebt. Dennoch: Die Orgel in diesem Werk ist durchaus präsent – so in einem sakral anmutenden Abschnitt etwa – mischt sich aber im Klangbild mit dem Orchester, verdoppelt ab und an die tiefen Holzbläser im Pedal, gibt dem Orchester Themenanstöße und übernimmt auch Begleitfiguren. Desöfteren hat man dabei den Eindruck, den Soundtrack eines nie gedrehten Films aus den 20-ger Jahren des letzten Jahrhunderts zu hören – der prägnante Einsatz der Bläser im letzten Satz etwa und die Steigerung des Orchesters lässt an eine Actionszene denken. Von der Tonsprache her, die melodiös ist und immer im Rahmen des Harmonischen bleibt, liegt die Assoziation an eine Filmmusik der damaligen Zeit durchaus nahe. Ein interessantes Werk, dessen innere Struktur mit seinen vier Sätzen weniger durch die Ähnlichkeit von Themen als, so Jongen selbst, durch die Ähnlichkeit der Stile besteht. So kann jedes Thema sich eindrucksvoll entfalten und zugleich ist das Werk dennoch ein großes Ganzes. Und durch das Voranstellen der Fuge im Preludio, mit dem starken Einsatz des Pedals bei der Orgel, gelingt Jongens sofort, die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu fesseln. Der dann bis zum Ende durch das geschickte Ineinanderfließen der musikalischen Themen bis zum Finale nicht mehr aus dem Werk entlassen wird.

Was kann man über Beethovens Fünfte schreiben, was nicht schon geschrieben worden ist? Eine gute Frage. Ernst von Gotttschald deutete in “Bethovens Symphonieen nach ihrem idealem Gehalt”, 1870 erschienen, die fünfte als eine Auseinandersetzung des Menschen mit dem Schicksal. Durch die Nacht zum Licht also. Von hier zum berühmten Wort, dass das Schicksal an die Pforte klopft ist es dann nicht weit. Aber ist das Werk tatsächlich eine Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Schicksal? Karl Gutzkow schreibt in seinen “Briefen aus Paris” 1824, dass Beethovens Symphonie “mißverstanden sei.” Um im nächsten Abschnitt allerdings dann auch von “Himmel, Hölle, Tartarus und Abgründen” zu philosophieren. Die berühmteste aller Beethoven-Sinfonien jedenfalls legt offenbar diese Schicksalsgestalt Mensch nahe.
Dabei ist der erste Satz dieser Symphonie ein Beispiel dafür, wie man mit wenigen rhythmischen Tönen einen Sonatensatz gestalten kann. Das prägnante Kopfthema wird als Paradebeispiel durchexerziert – und taucht als Wendung in den verschiedenen Instrumenten des Orchesters wieder. Ob sich dadurch wirklich, wie in der Musiktradition so gerne gesehen, der Mensch gegen sein Schicksal stemmt? Eine Frage, die vor allem die Musikwissenschaftler noch beschäftigen wird. Für den Hörer jedenfalls bietet die Symphonie aufregende und spannende Stellen – es sei nur im dritten Satz die Stelle erwähnt, in der das Orchester auf das Finale zuzueilen scheint, dann aber in eine Wiederaufnahme des Themas einschwenkt – unerwartet für den Zuhörer – und sich dann erst den finalen Jubel loslässt. Eine kleine Atempause vor der Gewißheit. Vielleicht ist das mit dem Ringen des Menschen und dem Schicksal doch ein Ansatz…

Von Christian Spließ

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