04. März, 2010

6. Philharmonisches Konzert | “Seines Inneren Wildnis”


Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Zu Beginn schwirrt ein Klang durch das Orchester, rauscht durch die Geigen, die in den Flageolett-Tönen das Geheimnisvolle und auch das Gespenstische des Werkes festhalten. Noch einmal ein Rauschen, bevor der Klang im Orchester sich nach und nach verdichtet. Engelsschwingen scheinen den leeren Himmelsraum zu durchmessen bevor von ihnen in Rilkes Text die Rede ist.Die Ausdeutung des Textes der Sinfonie “Seines Inneren Wildnis” hat Hauke Jasper Berheide zu einer Musiksprache angeregt, die an zarten Momenten reich ist, aber an den passenden Stellen auch nicht an Dramatik spart. Dabei streut Berheide durchaus plastische Motive ein – der Regen im II. Teil wird durch die Pizzicati der Streicher etwa dargestellt und beim Frühling blüht die Musik auf. Der erste Teil, dessen Beginn das Thema der Engel schon eingeführt hat, ist bis auf die Walzerepisode zwischendurch ernst und ruhig. Annette Seiltgens Partie ist dabei keineswegs exaltiert, keine dauernden Oktavsprünge, nein. Und überraschenderweise verzichtet Berheide bei einigen Stellen auf die sich eigentlich anbietende Vertonung. So ist bei “Wer, wenn ich schriee…” kein Forte zu hören, eher ein nachdenkliches Sinnen der Gesangspartie.

by CMG

Zu Beginn des II. Teils ist der im Text von Rilke angedeutete Jahrmarkt zu hören – schrill und klangvoll zugleich. Erst wenn die Sopranistin wieder einsetzt beruhigt sich die Musik. Rilkes Text ist assoziativ, hier ist die Rede von Trauerbäumen, von Klage-Fürstin – die Musik unterstreicht das durchaus, ein leiser Hauch scheint durch das Orchester zu wehen wenn es mondwärts geht. Der Epilog dann lässt zuerst der Mezzosopranistin den Vorrang und dies auch dadurch, dass Berheike nach Ende der Gesangsstimme eine Pause lässt – um so dann nochmal durch das Orchester den Text auszudeuten. Der Regen, der auf dunkles Erdreich fällt ist nochmal deutlich zu hören, wandert durch die Instrumente und ab und an scheint nochmal das Rauschen des Anfangs zitiert zu werden.

Hans Werner Henzes “Doppio Concerto per Oboe, Arpa ed Archi” ist luftig leichte Musik, zart und durchscheinend. Dies hat zum einen mit der Besetzung für ein relativ kleines Orchester zu tun, andererseits ist durch die Harfe schon von vornherein eine gewisse Zartheit gegeben. Drei Anläufe unternimmt die Oboe bevor das Orchester einfällt. Henze hat sich durchaus an den Formen der Vergangenheit gehalten, so haben sowohl die Harfe als auch die Oboe einzelne Kadenzen. Doch die Einsätzigkeit des Werkes und die neuen Spieltechniken für die Oboe – hier musste man schon mehrmals hinhören um zu erkennen dass das Instrument überhaupt spielte  – sowie auch für die Harfenpartie von Teresa Zimmermann, die recht perkussionistische Elemente hat; alles das ist ungewöhnlich. Pavel Sokolovs lebhaftes Verhalten auf der Bühne, das regelrechte “sich hineinknien” in seinen Part kontrastierte die Lyrik des Konzerts.

Den Wiedehopf, der König Salomo von der Königin von Saba in Kenntnis setzte, war in der Suite “Fünf Botschaften an die Königin von Saba”, nicht ausdrücklich zu hören, aber die Holzblasinstrumente waren teilweise recht sehr prägnant vorhanden. Hier reichte die Bandbreite von sehr lyrisch bis zu aufwühlenden Röhrenglockenklängen, von saxophongeprägten Melodien bis zu Orff’schen Instrumenten. Wer hier erwartete die sonst üblichen mit dem Orient verbundenen Klänge zu hören wurde enttäuscht – allerdings durch die reichhaltige Instrumentierung und ein klangvolles, gewaltiges Orchester belohnt.

Da schien Robert Schumanns “op. 32 zu Beginn des Konzerts bei all den modernen Klängen aus der Reihe zu fallen – aber vielleicht doch nicht so ganz. Denn die “Ouvertüre, Scherzo und Finale” genannte Komposition ist ein selten gespieltes Werk, eine Art kurzgefaßter Symphonie – allerdings dann doch nicht so ganz, denn selbst wenn man einen langsamen Satz hinzufügen würde, wäre es doch keine Symphonie an sich. Die Ouvertüre hat einen langsamen Einführungsteil, der das Thema schon einmal in Moll darstellt, danach aber taucht Schumann das Werk in eine heitere Atmosphäre – die im Scherzo allerdings keine überschäumende Freude aufkommen lässt, Champagnerlaune darf man hier nicht erwarten. Ein Ton, der selbst das Finale beherrscht, selbst dann wenn die Blechbläser das triumphale Ende vorbereiten. Warum dieses Werk so selten gespielt wird, ein Rätsel bleibts. Für manchen mag es allerdings ebenso eine Neuentdeckung sein wie Henze oder Berheide – und in diesem übergeordnetem Sinne passt es dann doch zu den Werken der Neuen Musik.

Von Christian Spließ

Kommentare

  1. Judith Jordans 7. März 2010
    23:05 Uhr

    Hans Werner Henzes “Doppio Concerto per Oboe, Arpa ed Archi” hat mir echt gut gefallen. Besonders das Harfensolo in der Mitte des Stückes hat gezeigt, dass dieses Instrument wirklich mehr zu bieten hat, als das Wasser für den Schwan und das Musizieren von Engeln.

  2. Günter Landsberger 16. März 2010
    08:32 Uhr

    Drei Konzerte unter Einbezug Schumannscher Orchstermusik habe ich in kurzer Abfolge unlängst in drei verschiedenen Konzertsälen gehört. Zuerst die wundervolle 2. Symphonie und die Genoveva-Ouverture mit dem SWR-Sinfonieorchester unter Michael Gielen in Essen, dann das besagte Opus 32 hier in Duisburg und schließlich vor über einer Woche das Schumannsche Konzert für Violoncello und Orchester mit Dausgaard, Gautier Capuçon und den Wiener Symphonikern.

    Ich kann nicht sagen, dass die Duisburger Philharmoniker in dieser Trias sehr guter Konzertdarbietungen eine schlechtere Figur abgegeben hätten. Ganz im Gegenteil!

9. Philharmonisches Konzert

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