2. Philharmonisches Konzert | Vorwärtsgewandte Nostalgie

Foto: Christoph Müller-Girod
Nostalgie – ein Wort, das meistens etwas von Sehnsucht an sich hat. Ein Wort welches einen Zustand beschreibt der so nie war und den man dennoch gerne einmal gehabt hätte – das “Damals”, dass es in dieser verschönten Form an die man sich gerne erinnert ja so nie gab. Denn unser Gehirn neigt dazu die Schattenseiten auszublenden und verklärt damit die Vergangenheit zu einem Ort, an dem alles früher halt besser war.
Und wenn das Orchester zu Beginn des Konzertes für Viola und Orchester op. 86 anhebt so scheint es für einen Moment ja durchaus so als würde Söderlind in diesem Werke eine glattgestrichene und schöngebügelte Vergangenheit präsentieren wollen. Mysteriös und geheimnisvoll geben sich die ersten Takte – bis die Bratsche im ersten Satz, der “Fantasia finlandese”, eine für unsere Ohren typisch nordische Volksmelodie anstimmt. So, als würde sich jemand mit aller Macht an diese eine Erinnerung festklammern spielt die Bratsche im Verlauf des ersten Satzes diese Melodie gegen das Orchester an. Lässt sich auch nicht durch dynamische Wechsel beirren. Ein Satz, der gut und gerne auch einen Tag im Leben eines alternden Volksliedkünstlers beschreiben könnte, der von morgens bis abends sein Liedgut gegen die Stürme des Lebens verteidigten muss.
„En gång i bredd med dig“ wird dann im zweiten Satz des Konzertes vorgestellt. Hier blüht die Viola von Lars Anders Tomte auf, denn das Volkslied erfährt in diesem Satz vielfältige Variationen – die sich mal mehr, mal weniger von der Hauptmelodie entfernen. Doch auch hier ist die Nostalgie alles andere als eine zuckerbestäubte, sondern eine die durchaus Platz für die Risse und die Brüche der Vergangenheit lässt. Teilweise scheint das Orchester dann komplett die Melodie in den “Variationi svedese” zu vergessen – wer in Erinnerungen schwelgt, der kommt desöfteren gerne vom eigentlichen Thema ab. Gegen Ende dann aber in der letzten Variation finden sich Bratsche und Orchester wieder zusammen.
“Sonata con cadenza norvegese” – ein furioser dritter Satz beendet das Konzert. Es ist die Versöhnung zwischen dem ersten und dem zweiten Satz. Während im ersten Satz das Individuum sich beim Erinnern gegen die aktuelle Welt zu stemmen scheint, es beim zweiten Satz dann ein- und denselben Gedanken nochmals durchdenkt und zwischenzeitlich auf Abwege gerät, ist der dritte Satz mit seiner Sonatenform die Verbindung von beidem. Hier brilliert die Bratsche besonders in der Kadenz. Im dritten Satz finden die drei norwegischen Volkslieder harmonisch zu einem ganzen. Die Erinnerung ist auch hier keineswegs ungetrübt, aber der Satz ist ein versöhnlicher Ausklang, das Individuum scheint mit sich im Reinen zu sein.
Zu Beginn des Konzertes: Mozart. Sinfonie Nr. 26 Es-dur KV 184. Ein kurzes Vergnügen mit dem frühen Meister, der in dieser dreisätzigen Sinfonie den Ouvertürencharakter betont. Ein dramatischer Auftakt – ein nachdenklicher langsamer Satz – dann ein rasantes Finale. Ein Kleinod, gewiß. Aber eines, in dem sich schon der Komponist der Jupitersinfonie finden lässt. Die dynamischen Gegensätze im ersten Satz erfordern zudem die Aufmerksamkeit von Orchester und Dirigenten – das Sforzato im Piano richtig herauszuarbeiten ist eine besondere Kunst. Im 2. Philharmonischen Konzert waren diese dynamischen Gegensätze sehr schön zu hören.
Es ist schade, dass hierzulande Carl Nielsen so wenig zu hören ist. Denn seine Sinfonie Nr. 4 op. 29, “Das Unauslöschliche” zeigt, dass in seinem Werk noch so einiges zu entdecken ist. Es ist die perfekte Ergänzung zum Söderlind-Konzert – denn beide Werke haben sehr schroffe Passagen zu bieten, ebenso wie versöhnliche. Dabei ist das “Unauslöschliche” vermehrt als Aufbäumen in Nielsens Orchesterwerk zu hören, heftige Streicherwirbel, donnernde Pauken – daneben aber auch ruhige Holzbläserflächen. Es scheint, als ob das Leben selbst immer wieder gegen die Widerstände der Welt hervorbricht. Wobei die Pauken gegen Ende vielleicht ein Nachhall von Kanonenschüssen sind – möglich wäre es, denn komponiert wurde die Sinfonie mitten im Ersten Weltkrieg. Alles in allem aber ein großartiges, forderndes Werk, dass mitten ins Herz des Publikums traf – Standing Ovations zum Schluss bewiesen das ebenso wie der Schlussapplaus.
Kommentare
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[...] Was ich über das Viola-Konzert von Söderlind denke, steht bei Dacapo. [...]
Geschrieben auf Ich schreibe zuviel fremd « Nur mein Standpunkt
16. Oktober 2009 um 02:15 Uhr





13:53 Uhr
In einem anderen Kunstwerk, auch einem großen und Ansprüche setzenden, kommt das Wort “Nostalgie” im Titel ebenfalls vor, im Film “Nostalgia” des russischen Filmressigeurs Andrej Tarkowskij. aus dem Jahre 1983.
Aber dies nur nebenbei.
Mich hat nämlich vordringlich die Art der diesmaligen Programmzusammenstellung beschäftigt. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, an den Anfang des Konzertabends eine Symphonie des “schwedischen Mozarts” Joseph Martin Kraus (1756 – 1792) zu stellen. So umfangreich sind dessen in den letzten beiden Jahrzehnten wiederentdeckten Symphonien bekanntlich ja alle nicht und es wäre musikalisch von den Werken her gesehen ein rein skandinavischer Abend geworden. Nichts, überhaupt nichts gegen Joseph Martin Kraus, aber ich bin doch froh, dass die Wahl auf Mozart und seine Symphonie KV 184 als eröffnendes Werk fiel. Einmal weil ich ganz persönlich dieses Werk wegen seines Mittelteils und der besonderen Stimmigkeit von dessen kontrastbewusster Einbettung besonders gerne mag. Vor allem aber, weil ich es für klug halte, nicht ein ganzes Abendprogramm ausschließlich durch die Werke weniger bekannter Komponisten bestreiten zu lassen. Da macht sich ein vermeintlich bestens bekannter Komponist wie Mozart mit einem nicht ganz so häufig gespielten Werk doch auch ganz gut.
Nicht nur über den Kontrast lassen sich zum sich anschließenden Violakonzert Korrespondenzen herstellen. Streckenweise wurde das Violakonzert ja auch zu einem Konzert für Viola, Harfe und Orchester, manchmal auch eines mit besonderer Hervorhebung der Flöte. Und so gestehe ich, dass ich mitunter auch an das liebenswerte “Konzert” Mozarts “für Flöte, Harfe und Orchester” denken musste und so den Einfall des Komponisten Söderlind, hier immer wieder exponiert Viola und Harfe zusammenzuführen, regelrecht goutiert habe. Habe ich übrigens richtig gehört, dass am Ende des ersten Satzes im Orchester ganz kurz Sibelius (“Finlandia”?) zitiert wurde? -
00:00 Uhr
Das ist eine gute Frage, ob Söderlind da sich ganz kurz auf Sibelius bezog. Wir werden mal nachforschen gehen.