1. Kammerkonzert | Geschätzt aber nicht bekannt

Foto: Christoph Müller-Girod
Eigentlich fand in diesem Konzert die Pause dann statt, als die offizielle Pause noch gar nicht begonnen hatte. Denn zwischen den Stücken von Jean-Phillip Rameau und Wolfgang Amadeus Mozart ging Denys Proshayev für einen kurzen Moment von der Bühne bevor er für den Schubert an den Flügel zurückkehrte. So, als wollte er deutlich machen dass die Musik, die jetzt folgen würde, sich von dem vorherigen deutlich absetzen würde.
Rameaus Musik mit ihren Trillern und Prallern, ihren Verzierungen hat es nicht leicht im Konzertsaal. Vielleicht, weil der moderne Flügel doch ein wenig anders klingt und den Ton länger hält als es beim Cembalo üblich ist – dort wirken die Verzierungen, die Rameau vorschreibt, etwas leichter, etwas weniger angestrengt. Da der Ton beim Cembalo nicht nachklingt sondern sofort verschwindet wenn man die Taste loslässt waren die Verzierungen eine Art und Weise den Ton noch etwas auszukosten. Die Frage ist für heutige Interpreten dann: Entscheidet man sich bei dieser Musik, die eigentlich nicht für den Klang des Klavier konzipiert ist, für das Pedal? Und wenn ja, wie lange hält man das?

Foto: Christoph Müller-Girod
Eine Gradwanderung, die Denys Proshayev auf seine Art und Weise löste: Wenn dann kurz und präzise. Da Proshayev bereits eine CD mit Kompositionen von Rameau eingespielt hat, war der Beginn des Konzertabends für ihn zumindest bekanntes Terrain – allerdings nicht unbedingt fürs Publikum. Zu den Favoriten gehört, wie schon bereits erwähnt, Rameau im Konzertsaal nicht gerade. Dabei sind gerade seine Charakterstücke eine Entdeckung wert. Mozarts Rondo a-Moll KV 511 folgt der Rondoform durchaus. Von heiterer Stimmung kann hier keine Rede sein: Grüblerisch und nachdenklich gibt sich das Werk, das im Gegensatz zu Rameaus Musik nicht auf Prachtentfaltung setzt. Eher schlicht, aber doch eindrucksvoll.
Schuberts Klavier-Symphonie – Schumanns imaginäres Gestaltentheater
Schuberts Sonate a-Moll D 784 ist ein aufwühlendes und mitreißendes Werk, eine wahre Klavier-Symphonie eher als das, was man sonst gewohnt ist wenn der Begriff Sonate fällt. Zwar kehrt im ersten Satz ein Haupt-Thema wieder, doch Schubert denkt nicht in den eingeschliffenen Formen des Sonatenhauptsatzes, er experimentiert, lässt Kontraste aufeinanderprallen. Der Bechstein als Orchesterersatz. Eine wahre Fülle von Themen verschmilzt Schubert hier. Hält sich dann im zweiten Satz etwas zurück bevor er im dritten Satz einerseits wirbelnde Achtelfiguren aufzeigt, andererseits dann wieder auch ruhigere Passagen dagegensetzt. Mit einer klassischen Klaviersonate im Sinne von Mozart oder Beethoven hat das nun kaum noch etwas zu tun. Proshayev versinkt hier förmlich in den Klängen, lässt zwischen den Sätzen nur kurze Pausen entstehen. Der Gebrauch des Pedals: Auch hier wie beim Schumann genau richtig – weder zu lang, so dass die Töne ineinander verschwimmen, noch zu kurz.

Foto: Christoph Müller-Girod
Die Davidsbündlertänze op. 9 von Schumann porträtieren eigentlich zwei imaginäre Gestalten, die Schumann als Musikjournalist sein Leben lang begleiten werden: Florestan und Eusebius. Florestan, der wild vorpreschende, Eusebius, der mild lächelnde – es ist kaum zu überhören wer in welchen Stücken gemeint ist. Wenngleich es Schumann auch einem nicht so einfach macht und es Stücke gibt, die beiden Charakteren gewidmet sind. Zugleich lässt die Bezeichnung “Tänze” den Zuhörer doch etwas ratlos zurück – sicherlich könnte man zu einigen der Stücken auch tanzen so wie man das zu den “Walzern” von Chopin tun könnte, aber Tänze im eigentlichen Sinne sind es dann doch eher nicht. Eher sind sie das, was schon Rameau schrieb: Charakterstücke. Mal feurig, mal wieder besinnlich, ein Zyklus, in den Schumann seine ganzes klaviriestisches Können hineinlegt. Es ist ein fantastisches Theater, das Schumann dort vor die Ohren der Zuhörer bringt, eines, dass teilweise mit kindischer Freude an der Themenerfindung daherkommt und dann wieder unerwartet ernst wird. Eine Komödie oder eine Tragödie? Zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Doch für einen Pianisten eine wahre Fundgrube.





08:30 Uhr
Ein vielversprechender , gerade auch im nachfolgenden Gespräch äußerst sympathischer , noch recht junger Pianist, der vieles jetzt schon überzeugend meistert. Einer, der sich (nicht nur mir zur Freude) in erster Linie als Diener der Musik zeigt und auch erweist; einer, dessen Rameauspiel mich ganz besonders begeistert hat. So differenziert, vielfarbig, schwungvoll, verhalten und fein artikuliert, hört man das ganz selten. Es war so, als hätte hier einer acht Finger an jeder Hand.
22:33 Uhr
Für Mozarts, Schuberts und Schumanns Klaviermusik bin ich fast immer zu haben, übrigens auch für die von Bach, Haydn, Beethoven, Brahms …
Eine der Auswirkungen des gestrigen Konzerteses aber war es, dass ich mir heute gezielt und ausgesucht Klaviermusik von Robert Schumann angehört habe: Aufnahmen der Davidsbündler Tänze (op.6) in der großartigen Interpretation von Wilhelm Kempff sowie in der dieser durchaus ebenbürtigen von Claudio Arrau. Und da ich heute gar nicht genug von Schumann bekommen konnte, habe ich auch noch den mir bislang etwas weniger bekannten Nachtstücke (op.23) in beider Interpretation gelauscht. Kurzum: Gestern live in der Philharmonie bin ich so richtig wieder auf den Geschmack gekommen.