9. Philharmonisches Konzert | Klassische Astrologie
“Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten” – Generationen von Schülern haben sich mit diesem Satz die Planetenreihenfolge gemerkt. Für die Reihenfolge der Sätze von Holsts Suite für großes Orchester und Frauenchor “Die Planeten” passt der Satz allerdings nicht so ganz. Statt Merkur stellt Holst Mars an den Beginn seines Programms – und Pluto vernachlässigt er ganz. Was in der Gegenwart durchaus wieder richtig ist…
Komponisten können sich manche Freiheiten erlauben, die Astronomen nicht durchgehen lassen würde. So eröffnet Holst die Suite mit dem Mars – kriegerisch, kämpfend, im 5/4-Takt daherstampfend eröffnet dieser Bringer des Kriegs die Komposition. Ein sehr markanter Auftakt, bei dem das Orchester alle Register zieht. Wobei der 5/4-Takt, der gerne im russischen Musikraum gebraucht wird – siehe Tschaikowskys “Pathetique” – diesen außergewöhnlichen Auftakt noch betont. Was bei Tschaikowsky allerdings eher als Dreivierteltakt mit angehängten Vierteln daherkommt, leicht im Duktus, wird bei Holst schwer und massiv. Mars, der Kriegsgott, lässt keinen Zweifel daran dass er alles andere als ein friedlicher Geselle ist.
Als Kontrast dazu folgt Venus, deren Lieblichkeit Holst durch das Thema der Solo-Violine besonders hervorhebt. Ein berechnender Kontrast: Was vorher wild und der daherkommt wird nun von Venus befriedet. Da Mars in der Mythologie Venus’ Liebhaber ist, passt dies auch von dieser Seite her. Jedoch knüpft Holst hier auch an die Normen der Klassiker an: Schnell – langsam ist als Gegensatz ja immer schon sehr beliebt gewesen. Hier wandelt Holst dies allerdings um zu Wild – Lieblich.
So quirlig wie das ihm zugeschriebene Element Quecksilber ist dann Merkur, der geflügelte Bote. Elegant durchfliegt er das Orchester – man hört seinen Aufflug genauso wie seinen Abflug und irgendwie scheint Merkur sich ab und an ein wenig Spaß zu gönnen. Jedenfalls gibt es so einige Stellen, an denen man das Orchester fast auflachen hört. Was durchaus zum temperamentvollen Gott passt, der mit seinen geflügelten Schuhen als Bote der Götter dient. (Und – besonderes Kunststück – zugleich Gott der Diebe und Gott der Händler ist – vielleicht hat das Holst ja zum Gebrauch von zwei Tonarten in diesem Stück inspiriert.) Zugleich sträubt sich Merkur musikalisch auch des öfteren gegen den 6/8-Takt – Synkopen und Quartolen lassen den Gott durch die Gegend flattern.
Zwar ist auch Jupiter durchaus gut aufgelegt, aber der Kontrast zu Merkur besteht darin, dass die Themen in diesem Satz eher gemäßigter sind. Besonders in Erinnerung bleibt das elegante, an Elgar erinnernde Mittelthema, das als “I vow to thee, my country” in keiner Night of the Proms fehlen darf. Die abrupten Themenübergänge in diesem Satz – so bricht das Thema im Dreivierteltakt sehr überraschend über den Zuhörer herein – scheinen die Heiterkeitsausbrüche des Jupiter anzudeuten. Dank des eleganten, hymnenartigen Themas allerdings ist doch mehr hinter der Oberfläche der überschäumenden Fröhlichkeit als man meint.
Schleppend und nicht von der Stelle kommen die Instrument zu Beginn des Saturns, des Bringer des Alters. Das Orchester kommt nicht voran, es kriecht geradezu am Stock. Das Thema selbst geht nur in minimalen Bewegungen voran – und in den Flöten bekommt es durch die Quarten noch einen altertümelnden Charakter. So richtig vorwärts geht in diesem Satz nichts. Selbst wenn neue Motive auftauchen werden sie nicht weiterverarbeitet, sondern etliche Male wiederholt. Schließlich schleppt sich Saturn wieder so mühsam von dannen wie er anfangs erschienen ist.
Der Uranus-Satz beginnt mit einem sehr eindrucksvollem Thema – ein Magier in Pose mit Zauberstab sozusagen, der allerdings dann in eine Geschäftigkeit verfällt, die dem Zauberlehrling ebenso gut anstehen würde. Dann aber erklingt wieder das Anfangsthema, das Achtungsgebietende. Die Pose des ernsten Hüters magischer Geheimnisse kann aber Uranus irgendwie nicht so ganz erfüllen, immer wieder schleicht sich in den Ernst etwas Verspieltes. Erst zum Schluss wird es dann wieder ernst, aber irgendwie traut man als Zuhörer dem Ganzen nicht so recht…
Die Klangwelt von Neptun ist schwebend, leuchtend, durchscheinend – und geheimnisvoll. Wie es sich für einen Mystiker gehört ist hier die Musik durch die Orchestrierung schleierhaft und nicht leicht zu fassen. Flöten und Celesta heben das Thema in ätherische Höhen, unterstütz von den Hörnern. Die erhabenen Weiten des Welltalls breiten sich vor dem Ohr des Zuhörers aus, die Instrumente sind nicht mehr von dieser Welt – wenn dann dazu noch der Frauenchor kommt, dessen Vokalisen in Duisburg vom Foyer durch die offenen Türen hereinklingen, dann ist es wirklich schwer wieder auf den Boden des Konzertsaals zu gelangen.
Deswegen standen wohl die etwas irdischeren Werke auch in der ersten Hälfte des Orchesters auf dem Programm: Mozarts Konzert für Oboe und Orchester KV 314. Dessen erster Satz hält sich komplett an die Sonatenhauptsatzform – ein sehr lebendiges Thema, dass von Mozart weiterverarbeitet wird. Die Kadenz dann lässt den Solisten nochmals hervortreten. Elegischer und zurückhaltender dann der zweite Satz, bei dem die Oboe regelrecht “schmachten” darf, bevor das Rondo des letzten Satzes wieder mit Energie und Spiellust Orchester und Oboe vorantreibt. Ein weithin bekanntes Stück, dass gerne als Probevorspiel eingesetzt wird – und das Mozart später noch für die Flöte als Soloinstrument umarbeitete.
Zu Beginn von “Extase” scheint die Oboe eine Shakuhatshi zu imitieren bevor unvermittelt die Schlaginstrumente einsetzen. Ruhe und Anspannung wechseln sich in diesem Stück ab, das Elemente der europäischen Musik ebenso in sich vereint wie die japanischer Folklore. Die Oboe ist dabei Impulsgeber – vor allem im Wechselspiel mit der Oboe des Orchesters – greift ab und an in das Geschehen ein – ist Mitspieler, nicht per se Einzelinstrument. Dabei erinnern die Geigen mit ihren Figuren an das Zirpen von Grillen, Chen lässt auch den Klang durch das Orchester von der einen Seite zu anderen hin wogen. Einzelne Motive kehren wieder, werden vom Orchester aufgenommen. Die völlige Losgelöstheit des Seins, die eine Extase eigentlich auszeichnet, das Sich-Verlieren – das man als Hörer meistens mit Klangseskapaden oder zumindest großer Laustärke assoziiert – findet hier nur begrenzt statt. Immer wieder gibt es Atempausen, in denen die Oboe ihre ganz eigenen Figuren findet. Dionysos? Ein wenig. Vor allem aber ein Stück, dass Europa und Japan zusammenbringt.







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