10. September, 2009

1. PHILHARMONISCHES KONZERT | Verbindungslinien

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Wenn nach der Hochzeit die Braut den Brautstrauß in die Menge wirft, dann weiß man was das bedeutet. Nämlich, dass die glückliche Fängerin demnächst heiraten wird. Aber was ist, wenn Jonathan Darlington den für ihn bestimmten Strauß ins Publikum wirft? Wird der oder die Glückliche dann im nächsten Jahr Dirigent oder Dirigentin?

Eine gute Frage. Ebenfalls eine gute Frage ist die, die sich nach dem Blick auf das Konzertprogramm des 1. Philharmonischen Konzertes in dieser Saison stellt. Was verbindet Vaughan-Williams, Goldmark und Strawinsky miteinander? Zeitgenossen waren sie nicht. Ein gemeinsamer Stil einigt sie ebenfalls nicht. Und dennoch stehen alle drei Komponisten auf dem Spielplan. Welche Verbindungen gibt es zwischen den unterschiedlichen Künstlern?

Optische und harmonische Links

Es gibt mehrere Verbindungslinieren zwischen den drei Komponisten. Die auffälligste: Die Optische. Für die “Fantasia” trennt Vaughan-Williams das Orchester auf. Nur Streicher pur heben auf der Bühne zu singen an, schwellen an, schwellen ab und überlassen den Solisten das Feld. Aus der großen Gruppe der Streicher zieht der Komponist eine kleine Gruppe von Streichern aus dem Orchester von Anfang heraus. In der Mercator-Halle ist dies auch optisch sichtbar.  Es ist ein Stück mit sehr vielen Unisono-Stellen – die Streicher spielen etliche das Tallis-Thema etliche Male zusammen, produzieren einen Rausch der so gar nicht zum Ursprung des Themas zu passen scheint. Doch Religion und Rausch sind keine ungeleichen Brüder.

Für das Goldmark-Konzert kommen Holz und Blech dazu. Sowie eine Solistin, die nicht zu Unrecht als eine der begabtesten Geigerinnen der Welt gefeiert wird – Baiba Skride. Während vorher beim Tallis die Solisten aus dem Orchster heraus kamen, steht sie im Vordergrund, ist ihre schwebende Gesangslinie im romantischen Konzert über dem Orchester hörbar. Es ist natürlich noch etwas Besonderes, wenn diese Geige eine Stradivari ist – deren Klang zu beschreiben stößt an die Grenze des Wortes. Goldmark als Komponist des Mittelwegs orientiert sich hörbar an Mendelssohn Bartholdy, das Opus 64 fiele einem auf Anhieb ein – es sind sehr elegante, schwungvolle und sehr virtuose Melodiebögen. Als Alternative zu Brahms hat man es empfohlen und wer Brahms als zu schwer und zu gewaltig empfindet wird sich vielleicht eher bei Goldmark aufgehoben fühlen. Rätselhaft warum dieses Werk so wenig bekannt ist.

Strawinsky: Die Verknüpfung der roten Fäden

Im dritten Satz des Violinkonzertes von Goldmark finden sich Stellen, die einen weiteren Link zu Strawinsky aufzeigen. Da spielt das Horn eine sehr kurze Phrase – und verschwindet wieder im Gesamtklang. Ebenso andere Instrumente während Barbara Skribe mit ihren Fingern anmutig über den Geigensteg gleitet. In Strawinskys “Sacre du Printemps” gibt es ähnliche Stellen – anmutig führt die Flöte in das Werk ein, bevor sie abrupt von gewaltigen Klangewellen abgelöst wird. Auch in diesem Werk finden sich Stellen an denen die Streicher unisono spielen – begleitet allerdings vom Blech oder Holz. Natürlich auch solistische Stellen. Und so finden sich am Ende in diesem Werk, mit dem Strawinsky damals die Ohren des Publikums beleidigte alle drei Aspekte zusammen: Soli, Unisono-Stellen und die gezielte Benutzung von kurzen Phrasen. Ein intelligentes Programm also, dass mit modernen harmonischen Klängen begann und mit einem Strawinsky endete, der unglaublich sexy ist. Jedenfalls behaupten das unsere Musiker, die müssen es ja wissen.

Von Christian Spließ

Kommentare

  1. Günter Landsberger 10. September 2009
    12:12 Uhr

    Vor etwa vier Wochen war ich beim dritten der vier Male dabei, als sich der Salzburger Bachchor unter seinem Dirigenten Alois Glassner – mit “nach und nach vierzig Stimmen zu acht Chören” vereinigt – einer mehr und mehr aufhorchenden Zuhörerschaft in der Peterskirche von Salzburg vorstellte. Und auf dem zehnminütigen Programm stand? – Genau! Thomas Tallis. Und zwar sein Chorwerk, sein Harmoniengeflecht, sein Klanggebäude :”Spem in alium nunquam habui” (“In niemanden sonst setze ich meine Hoffnung”).
    Man sieht, ich ziehe meine ganz persönliche Verbindungslinie zum ersten Werk des Ersten Philharmonischen Konzertes der Duisburger Philharmoniker der neuen Spielzeit. Aber auch ohne sie wäre Vaughn-Williams’ Werk gestern sehr gut bei mir angekommen. Wenn auch bestimmt ein wenig anders.
    Und auch zum zweiten Werk des Abends fand ich unschwer einen persönlichen Bezug. Einmal: Die hinlängliche Kenntnis der Violinkonzerte von Schumann, Mendelssohn, Brahms, Dvořák, Bruch, aber auch von Louis Spohr und Joseph Joachim bot mir die (gerne genutzte) Möglichkeit eines Vergleiches mit dem gestern dargebotenen, mir bis dahin noch ganz unbekannten Violinkonzert von Karl Goldmark. Ob nun mit oder ohne diese Vorkenntnisse werden sich die allermeisten, die dieses Werk gestern hören durften – zumal in dieser allseitig so überzeugenden Interpretation! – daran erfreut haben. Dessen bin ich mir ganz sicher. Von Goldmarks Werken kannte ich bisher – vom eigenen Zuhören her – nur sein Streichquartett op. 8, dessen 2. Satz mich besonders angesprochen hat. Das ROSAMUNDE QUARTETT MÜNCHEN hat auf einer CD des Jahres 1994 die vom Quartettnamen her naheliegende Einspielung des Schubertschen a-Moll-Quartetts op.29, des sogenannten Rosamunde-Quartetts, mutig gekoppelt mit dem heute doch fast unbekannt gewordenen op. 8 Karl Goldmarks, einem Streichquartett, das – uraufgeführt vom renommierten “Hellmesberger-Quartett” dem jungen Komnisten 1860 den Durchbruch beim Wiener Publikum verschafft hat. Nun, wenn man Goldmark provokant-selbstbewusst mit Schubert koppelt, ist das schon ein Ritterschlag.
    Die bei weitem stärkste Verbindungslinie vom gestrigen Konzertabend zum Werdegang meiner musikalischen Geschmacksurteilsbildung jedoch vermag ich vom nach wie vor ganz unvergleichlichen “Sacre du Printemps” Strawinskys her zu ziehen. Als ich dieses Werk in meiner Jugend (mit 17?) zum ersten Mal auf Schallplatten mit Ernest Ansermet und vor allem mit Ferenc Fricsay und dem RIAS Symphonie-Orchester Berlin hörte, brach dieses Werk und mit ihm die große Musik des 20. (und 21. !) Jahrhunderts ganz elementar und heiß in mich ein. Kaum war ich selber – überwältigt! – gewonnen, gelang das gleiche auch mit meinem Vater, den ich damals – gleich nach meinem ersten Höreindruck – erfolgreich bestürmt habe, das mit ihm etwa gleichaltrige, aber ihm dennoch noch ganz unbekannte Werk mit mir zusammen endlich anzuhören.
    Gestern habe ich das Werk zum ersten Mal nicht aus der Konserve (Fricsay, Solti, Boulez) gehört, sondern live im Konzertsaal. Ich war in voller Konzentration abermals ganz angetan davon.
    Und dennoch würde ich gerne wissen, wie junge Leute, die noch keine klassischen Hörgewohnheiten haben, heute spontan auf dieses Werk reagieren. Ich rechne ganz fest damit, dass es ihnen ähnlich ergehen müsste wie mir damals – beim ersten Hören.

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    10. September 2009 um 05:18 Uhr
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