05. September, 2010

Gastkonzert der Litauischen Staatsphilharmonie | In die Ferne schweifend


Foto: Christoph Müller-Girod

Dass Musik über die Grenzen von Sprachen und Kulturen hinweg Brücken baut ist vielleicht eine Platitüde, aber wahr und stimmig ist diese Behauptung dennoch. Ein Beweis dafür war die Tournee unsere Orchesters im letzten Jahr, die das Webteam damals begleiten durfte. Jetzt erfolgte der Gegenbesuch der Litauischen Staatsphilharmonie im Rahmen eines Staatsaktes zur Feier zweier Städtepartnerschaften: Vilnius und Portsmouth.

25 – Vilnius – und 60 Jahre – Portsmouth – sind diese übergreifenden Beziehungen alt geworden. Gewürdigt wurde dies durch die Tatsache, dass Councillor Paula Riches, Lord Mayor of Portsmouth und Ratsherr Arydas Saltenis, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur, Bildung, Sport und Jugend im Rat der Stadt Vilnius sich feierlich ins Goldene Buch der Stadt Duisburg eintrugen. Zu Beginn dieser Zeremonie machte Oberbürgermeister Adolf Sauerland deutlich, dass Städtepartnerschaften keineswegs veraltet, gar überholt seien. Gemeinsame Erlebnisse und der Austausch von Erfahrungen – diese Kernpunkte wären auch in der modernen durch die Technik enger zusammengerückten Welt unerlässlich. Councillor Paula Riches überbrachte die Grüße an die Kulturhauptstadt 2010 aus Portsmouth, sie richtete auch Worte des Beileids an die Angehörigen und Opfer der Loveparade-Katastrophe. Ratsherr Arydas Saltenis hob den Aspekt der Internationalität hervor, wobei Litauen diese als noch recht junge eigenständige Nation besonders freue.

Zur Einführung spielte Roland Stangier aus Gustav Holsts „Die Planeten“ den Satz „Jupiter, der Bringer der Fröhlichkeit“ in der von Stangier angefertigten Transkription für Orgel. Es ist immer wieder überraschend, wie gut unsere Orgel die Klangfarbe eines Orchesters imitieren kann. Besonders bei einem solch geschickt instrumentiertem Satz wie diesem, der den Bearbeiter natürlich dann nochmal vor eine ganz besondere Herausforderung stellt. Man darf getrost vermuten, dass Stangiers Bearbeitung bald desöfteren in Konzerthallen zu hören sein wird. Wer beim Hören des Mittelteils, des Trios, an England und die Last Night of the Proms denken muss liegt so falsch nicht: Mit dem unterlegtem Text „I vow to thee, my country“ – in etwa: „Ich schwöre dir, meinem Land, die Treue“ – gehört diese Melodie des öfteren zum Abschlussprogramm der Proms. Nach der Zeremonie dann konnte die Litausische Staatsphilharmonie unter der Leitung von Gintaras Rinkevisius beginnen. Beim Chopin trat dann der Solopianist Lukas Geniusas dazu.

Regen auf den Feldern

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis Variationen über „Stretch away, Fields“ für Streichorchester sind ganz in der Romantik verwurzelt. Der litauische Komponist griff für das Thema auf ein altes Volkslied zurück, zuerst entstanden die Variationen nur für Klavier, später wurden sie für Streichorchester umgeschrieben. Čiurlionis hält sich dabei doch recht nah ans ursprüngliche Thema, taucht es in der zweiten Variation schon in eine getrübte Stimmung. Zum Ende hin fallen dann wohl leichte Regentropfen auf die besungenen Felder – die Celli und Kontrabässe zupfen hier in der Begleitung ganz sachte ihre Töne.

Elegant, verschwenderisch und brilliant – die Klavierkonzerte von Chopin sind in der Tat all das. Hier darf der Solist zeigen was er kann während das Orchester im Konzert Nr.1 für Klavier und Orchester e-moll op. 11 eher begleitende Funktion hat. Sicherlich hört man wie im ersten Satz desöfteren ein Instrument heraus, ebenfalls sind die harmonischen Fundamente glänzend instrumentiert – aber der Star bei diesem Konzert ist das Klavier. Und im ersten Satz bereitet das Orchester die Bühne für diesen Star gebührend vor. Eine romantische Klangfülle dann im zweiten Satz, die perlende Klavierbegleitung darf hier laut Chopin zufolge dolcissimo, leggierissimo und legatissimo sein – ganz zart also – allerdings ist auch durchaus Forte vorgeschrieben. Wer versucht, den Takt des dritten Satzes beim Zuhören ermitteln zu wollen wird auf eine harte Probe gestellt. Verraten sei hier, dass Chopin sich eines Tanzrhythmus bedient: Des Krakowiaks, eines polnischen Volkstanzes. Und bei dem gibt’s eine kleine Besonderheit. Der Krakowiak wechselt nämlich sehr gerne aus dem eigentlich vorgesehenen Zwei-Viertel-Takt durch übergebundene Noten in einen Drei-Viertel-Takt. Ähnlich wie bei etlichen Zwiefachen in Bayern übrigens. Der verschobene Rhythmus macht aus dem dritten Satz natürlich etwas Besonderes, aber immer noch steht eindeutig das Klavier im Mittelpunkt. Rasante Passagen, Dreiklangsbrechungen in Sechzehnteln gegen Ende – wahrlich ein Virtuosenkonzert.

Der Geist Amerikas

Ob die Sinfonie Nr. 9 von Dvorak zu Recht ihren Beinamen trägt? Sicherlich, sie stammt „Aus der neuen Welt“, geschrieben während eines Lehraufenthaltes von Dvorak in den USA. Doch finden sich in ihr keine amerikanischen Volkslieder oder Gospelklänge, Dvorak hat dies auch festgestellt: „Aber den Unsinn, dass ich indianische oder amerikanische Motive verwendet hätte, lassen Sie aus, weil das eine Lüge ist“. Dennoch verbreitet die Sinfonie einen amerikanischen Geist. Einerseits durch die Themen – wer denkt bei den schmetternden Trompeten und Bläsern im letzten Satz nicht an die rettende Kavallerie, beim zweiten Satz, dem weltbekanntem Largo, eröffnen sich die Weiten der Prärie. Den Geist der Spirituals und Gospels kann man durchaus hören – die zahlreichen Synkopen im 1. und 3. Hauptthema des ersten Satzes erinnern an diese. Die sehr klare Stuktur der Sinfonie und ihrer Themen ermöglicht es dann auch die zahlreichen Rückgriffe zu hören, die Dvorak macht. Hauptthemen von vorigen Sätzen tauchen erneut auf und werden im letzten Satz zusammengeführt. Einen kleinen Ausflug in das heimatliche Böhmen erlaubt sich Dvorak im dritten Satz, dessen Trio mit den Klarinetten-Klängen an die dortige Volksmusik erinnert. Eine Hauch von Sehnsucht vielleicht bevor wieder der Geist Amerikas Einzug ins Orchester hält.

Von Christian Spließ

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9. Philharmonisches Konzert

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