Duisburger Philharmoniker


Foto: Christoph Müller-Girod


Im Hafen der Kulturhauptstadt begann das Jahr mit einer besonderen Auszeichnung: Die Verleihung des DMV Preises für das „Beste Konzertprogramm“ der Saison 2009/10 bestätigte eindrucksvoll, dass die Duisburger Philharmoniker durch ihre Tradition der künstlerischen Vielfalt mit dem Mut zu Neuem eine wichtige identitätsstiftende Funktion für die Ruhrmetropole erfüllen und zugleich internationale Ausstrahlungskraft besitzen.

Als ältestes Orchester der Region und einer der traditionsreichsten Klangkörper Deutschlands, sind die Duisburger Philharmoniker in den großen Konzertsälen Europas ebenso zuhause wie in ihren zwei Residenzen – der Philharmonie Mercatorhalle Duisburg und dem Theater Duisburg, das seit nunmehr über 50 Jahren eine erfolgreiche ‚Theaterehe‘ mit dem Düsseldorfer Opernhaus als „Deutsche Oper am Rhein“ führt. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Jonathan Darlington, der das Profil der Duisburger Philharmoniker in den letzten Jahren entscheidend geprägt hat, entstehen beziehungsreiche Programme, die den Zuhörer auf musikalische Entdeckungsreisen mitnehmen.

Persönlichkeiten und Profile

Durch die Zusammenarbeit mit ebenso herausragenden wie unterschiedlichen Dirigentenpersönlichkeiten ist ein Klangkörper entstanden, der die Klangfülle der deutschen Tradition im klassischen und romantischen Repertoire mit einer großen Expertise im zeitgenössischen internationalen Repertoire verbindet. Stilsicherheit und Anpassungsfähigkeit der Duisburger Philharmoniker zogen stets namenhafte Dirigenten mit höchsten Ansprüchen an.

Nach ihrer Gründung im Jahre 1877 entwickelten sich die Duisburger Philharmoniker bald zu einem überregional beachteten Klangkörper. Das ist vor allem der umsichtigen künstlerischen Leitung von Walter Josephson und Paul Scheinpflug zu verdanken, die schon früh die zeitgenössische Musik als Chance und Auftrag ansahen. Josephson legte den Grundstein für eine kluge Repertoirebildung mit Schwerpunkten auf den Werken von Wagner, Liszt, Tchaikovsky, Dvorak, aber auch Strauss und Berlioz. So entstanden früh Ereignisse von großer Symbolkraft wie 1903 die deutsche Erstaufführung von Bruckners 9. Sinfonie. Richard Strauss leitete seine Tondichtung „Tod und Verklärung“ und Ferruccio Busoni spielte Beethovens „Chorfantasie“. Eine erste Blütezeit erlebte das junge Orchester unter Paul Scheinpflug (GMD von 1920-28): Er erweiterte das Repertoire auf das gesamte sinfonische Werk Bruckners und Wagners, fördere daneben auch die Kammermusik und damit auch die solistischen Qualitäten der Orchestermusiker selbst. Mit Erstaufführungen von Werken von Strauss, Reger, Skrjabin, Schönberg und Stravinsky begann er, unterstützt durch hochrangige Gäste, das Publikum an neue Musik zu gewöhnen. 1922 erklangen beim Duisburger Musikfest Schönbergs „Gurre-Lieder“; 1925, beim Musikfest zur Tausendjahrfeier der Rheinlande dirigierte Paul Hindemith die Uraufführung seines Konzerts für Orchester, und Adolf Busch dirigierte sein Lustspiel-Ouvertüre für Orchester. Mit der Gründung der Oper Duisburg etablierte sich das Orchester zudem mit Mozart- und Wagner-Zyklen und wurde bald als „Bayreuth am Rhein“ bekannt.

Mit dem 28jährigen Eugen Jochum hatte man 1930 einen hoch talentierten Nachwuchs-Dirigenten zum Generalmusikdirektor gekürt, für den die Duisburger Philharmoniker zum Sprungbrett für seine internationale Karriere wurden. Mit der Erstaufführung von Rachmaninows drittem Klavierkonzert und Strawinskys „Feuervogel“, ebenso wie mit Bruckner- und Beethovenzyklen setze er eher qualitativ als programmatisch neue Akzente. 1946 folgte in schwerer Zeit sein jüngerer Bruder Georg Ludwig Jochum auf das Podium, der eine Epoche der künstlerischen Konstanz von hohem künstlerischem Niveau einläutete. Das Orchester glänzte unter Jochum im großen klassisch-romantischen Repertoire und besonders in der Musik des 20. Jahrhunderts: Auf dem Programm standen Bartók, Hindemith, Strauss, Henze, Honegger, Frank Martin und Sibelius, zum Teil  in Ur- und Erstaufführungen.

Internationalität und Vielfalt

Waren die frühen Leiter und besonders die Gebrüder Jochum noch vornehmlich um lokale Akzeptanz bemüht, richteten die Generalmusikdirektoren der letzten Jahrzehnte stärker ihren Blick auf die überregionale Ausstrahlungskraft des Orchesters. Als Georg Ludwig Jochum 1970 starb, hinterließ er seinen Nachfolgern einen ebenso brillanten wie profilstarken Klangkörper, der im internationalen Musikleben der siebziger Jahre zunehmend an Bedeutung gewann. Dafür steht vor allem der Name des Griechen Miltiades Caridis, dem 1982 der Amerikaner Lawrence Foster folgte. Das Orchester bereiste in dieser Zeit in Konzerttourneen Spanien, Großbritannien, Griechenland und die ehemalige Sowjetunion. Unter Caridis beteiligte sich das Orchester an internationalen Festivals, wie dem Internationalen Béla Bartók Festival (1981/82), bei denen sich die Duisburger Symphoniker neben internationalen Gastsolisten hervorragend in Szene zu setzen vermochten.

Lawrence Foster setzte mit dem Schostakowitsch-Festival von 1984/85 künstlerisch wie kulturpolitisch ein wichtiges Zeichen. Es gastierte gleichzeitig die damalige Leningrader Philharmonie unter Jewgenij Mrawinsky und dem jungen Alexander Lazarew, während die Duisburger Philharmoniker die damalige Sowjetunion mit dem Solisten Frank Peter Zimmermann bereisten. Dieser Kulturaustausch hatte auch programmatische Folgen: Foster pflegte neben Mahler und Wagner besonders das russische Repertoire des zwanzigsten Jahrhunderts wie Schostakowitsch, Prokofjew und Rachmaninow. Mit Alexander Lazarew, der den Schwerpunkt im russischen Repertoire sowie auf dem Werk Gustav Mahlers weiter vertiefte, übernahm 1988 zum ersten Mal ein russischer Dirigent die Leitung eines deutschen Sinfonieorchesters.

Ein ausgewiesener Spezialist für die Musik der Klassik und Frühromantik übernahm 1994 das Amt des Generalmusikdirektors: Bruno Weil kam und verabschiedete sich mit Werken von Bruckner; er erweiterte das Klangspektrum des Orchesters durch werktreue Interpretationen vermeintlich vertrauter Werke von Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Weil stand in dieser Zeit beispielhaft für eine jüngere deutsche Dirigenten-Generation, die sich um eine historisch informierte und stilistisch differenzierte Darstellung des gesamten sinfonischen Repertoires bemühte, ohne dogmatische Positionen zu beziehen. Die Pflege der historischen Aufführungspraxis wird seither durch Gastdirigenten wie Ton Koopman, Reinhard Goebel und Jan Willem de Vriend fortgesetzt.

Musikalische und menschliche Brückenschläge

In der Spielzeit 2002/2003 konnten die Duisburger Philharmoniker ihr 125-jähriges Bestehen feiern. Seit der Jubiläumssaison steht das Orchester unter der Leitung von Jonathan Darlington. Mit seinen Schwerpunkten auf der französischen und englischen Spätromantik sowie Werken der europäischen Moderne nutzt der gebürtige Brite bewusst den Erfahrungsschatz des Orchesters, um in beziehungsreichen Programmen thematische Schwerpunkte durch unerwartete Parallelen spannungsreich zu verknüpfen.

Das traditionelle Engagement des Orchesters für zeitgenössische Musik wird durch zahlreiche Uraufführungen gekrönt. Bedeutende Komponisten der Gegenwart wie Wolfgang Rihm, Krzysztof Meyer, Jürg Baur und Manfred Trojahn schrieben Werke für das Orchester. Jonathan Darlington baut diese Tradition weiter aus; so hob er Mauricio Kagels Orchesterwerk „Broken Chords“ aus der Taufe und dirigierte zur Eröffnung der neuen Philharmonie Mercatorhalle im April 2007 die deutsche Erstaufführung Tan Duns Sinfonie „Heaven – Earth – Mankind“.

Mit dem Einzug in die den neuen Konzertsaal brach für Jonathan Darlington und die Philharmoniker eine neue Ära an. Durch die Qualitätsarbeit des Generalmusikdirektors und beflügelt durch die akustischen Möglichkeiten der Mercatorhalle konnte in Zusammenarbeit mit dem audiophilen Label Acousence ein neues Kapitel in der Aufnahmetätigkeit aufgeschlagen werden. Die jüngsten, von der Fachpresse hochgerühmten Live-Aufnahmen umfassen Werke von Schostakowitsch, Jolivet, Schönberg, Fauré, Mahler und Wagner. Seit kurzem ermöglicht die neue Konzertorgel der Mercatorhalle – die einzige Konzertorgel nach englischer Bauart in Deutschland – eine willkommene Erweiterung des Repertoirespektrums.

Unter Darlingtons Leitung zeigt sich das Orchester heute als höchst flexibel und stilistisch wandlungsfähig. Haydns Schöpfung und Mendelssohns Elias erlebten ebenso exemplarische Interpretationen wie Gustav Mahlers 6. Sinfonie, Elgars Enigma-Variationen oder Strawinskys Le Sacre du Printemps. Sein Auftrag als Kulturbotschafter der Stadt Duisburg führte das Orchester zuletzt zu den internationalen Festivals von Montreux und Savonlinna. Mit ihrer umjubelten zweiten China-Tournee haben die Duisburger Philharmoniker musikalische wie menschliche Brücken geschlagen und ihren hohen Rang in der internationalen Musikszene eindrucksvoll bestätigt. Das gilt ebenso für die Konzertreise, die das Orchester 2009 im Rahmen des Kulturhauptstadtprojektes TWINS nach Polen und in Duisburgs Partnerstadt Vilnius führte.

Heute vereint das Ensemble 94 Musiker aus über 20 Nationen. Mit ihrer künstlerischen und kulturellen Vielseitigkeit spiegeln die Duisburger Philharmoniker die Weltoffenheit und Vielfalt der Region wider. Gastdirigenten wie Kirill Petrenko, Anu Tali, Stefan Blunier oder Marcus Bosch und Solisten von Weltrang wie Antoine Tamestit, Daniel Hope, Frank Peter Zimmermann, Sol Gabetta oder Evegeny Koroliov sind dem Orchester freundschaftlich verbunden. Neben Gastspielen in der Philharmonie Essen, im Forum Leverkusen und im Concertgebouw Amsterdam spielt das Orchester regelmäßig beim internationalen Gesangswettbewerb Neue Stimmen in Gütersloh und bei der Ruhrtriennale eine bedeutende Rolle.

Das Ziel, eine größtmögliche Nähe zum Publikum zu schaffen, verfolgen eine Vielzahl engagierter Projekte. Das bereits mehrfach ausgezeichnete Education-Konzept „Klasse! Klassik“ bietet Musikerlebnisse für Kinder und Jugendliche aller Altersklassen und Bevölkerungsgruppen an und baut mit unterschiedlichsten Konzertformaten Brücken zur Klassischen Musik. Daneben sind es vor allem die Cross-Over-Projekte  beim Traumzeit-Festival und bei der Extraschicht, Filmprojekte, Open-Air-Events und Stadtteilkonzerte, die dem Orchester ein neues Publikum erschließen.



9. Philharmonisches Konzert

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