Traumzeit-Festival | Chansons, Jazz und Schlagwerker

Foto: Christoph Müller-Girod
Wie schon im letzten Jahr war unser Orchester mit aufregenden und ungewöhnlichen Kooperationen beim Traumzeit-Festival dabei. Zweimal als Begleitung, einmal solistisch. Hier als Soundboden für experimentelle Klänge im Rahmen der zweiten Auftragskomposition des Festivals von Peter Bolte, dort im Arrangement einer wunderbaren Chanteuse.
Ein Hauch von Bodenständigkeit umgibt die Chanteuse Eva Kurowski wenn sie die Bühne betritt. Etwas, bei dem man gleich merkt dass hier keine Popelfe auftritt. Darf man dann Lieder über Liebe, Glück und Sehnsucht erwarten? Durchaus – aber man muss auf den doppelten Boden gefasst sein. Unterstützt vom Brendel-Quartett wähnt sich der Zuhörer bei Eva Kurowski was die Arrangements der Songs betrifft durchaus in Sicherheit. Leichte, sanfte Klänge zum Mitwippen sind das, keine schrägen Töne, nein.
Und so beginnen manchmal auch die Texte von Eva Kurowski – harmlose romantische Lichter verführen zum Kuss. Dass der Schluss dessen dann alles andere als romantisch ist, das kommt mit einer Ironie daher, die den Zuhörer erstmal umhaut. Das Leben, so Eva Kurowski, ist halt alles andere als einfach und ihre Songs spiegeln das wieder. Unter der leichten Oberfläche lauert ein ironischer Abgrund, ein schwarzer Humor sogar. Gekonnt wird der Zuhörer aufs Glatteis der Emotionen geführt, der ein oder andere Sturz ist inbegriffen aber das macht ja nichts: Aufrappeln, weitermachen.
Am Besten mit den Streicherklängen, die sich in die Songs einfügen und manchmal – was wohl durchaus gewollt ist – an Schlagerseligkeit erinnern. Doch bevor diese eintritt hat Eva Kurowski längst wieder mit ihren Texten diese heile Welt gebrochen. Um dann genau in den Scherben unsere Welt gespiegelt zu sehen. Wobei: Dieses Bild ist dann wiederum gar nicht so schlecht. Man muss sich halt nur damit arrangieren, dass die Welt nicht perfekt ist und dennoch ihre liebenswerten Stellen hat. Vielleicht ist das die Moral, aber vermutlich hätte Eva Kurowski genau jetzt einen Kommentar einzuwenden, der uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen würde. Gottseidank.
Zuerst sind es die Streicher, die an diesem zweiten Tag der Traumzeit die Auftragskomposition II den Hörer einstimmen – lange Wiederholungen zu denen das Altsaxophon Peter Boltes harmonische Ergänzungen liefert. Dann aber tritt die Elektronik von Jim Campbell in den Vordergrund. Eine leichte Trübung während sich vorher aufgenommes Material zusammenballt um schlußendlich Peter Boltes energiereichen Improvisationen den Hintergrund zu liefern. Ausgeschriebenes Material für die Streicher unseres Orchesters und freie Passagen wechselten sich ab. Dabei gibt es Themen, die von den Streichern immer wieder aufgegriffen werden – rhythmische in den Celli und Bässen oder langgetragene in den Violas und Violinen. Doch irgendwie ist die Harmonie gestört. In den Streichern spielen die hohen Stimmen gegen die tiefen – lange Melodiebögen gegen rhythmisch Ausgefeiltes aber selbst Celli und Bässe sind keine Mit- sondern eher Gegenspieler.
Da wirkten Elektronik und Alt-Saxophon doch eher wie eine Einheit – wenngleich diese sich nicht harmonisch ergänzten. Peter Boltes energiegeladene Spielweise ließ die Töne in einer atemberaubenden Geschwindigkeit über die Elektronik hinwegperlen, nahm Streicherthemen auf um sie sofort wieder in Tonkaskaden verschwinden zu lassen. Dem Zuhörer wird es nicht leichtgemacht, abr wenn man weniger versucht zu analysieren sondern eher den Höreindruck an sich gelten lässt dann findet man rasch Zugang zu diesen Passagen. Ein sehr experimentelles und gewagtes Stück Musik, die es lohnt für sich selbst zu entdecken.
Man kann viele Schubladen aufziehen und Vergleiche herausholen. Manchmal klingts ein wenig nach “The Cure”, dann wieder nach den “Kaiser Chiefs” – Shout Out Louds haben allerdings schon längst eine eigene Kategorie für sich selbst entwickelt. Die Wurzeln ihrer Musik liegen eindeutig im Independent-Rock. Doch die Shout Out Louds haben ihre Fühler nicht nur in Richtung Pop sondern bisweilen auch in Richtung Mainstream ausgestreckt – “Fall Harder” etwa die aktuelle Single ist durchaus eng dort angesiedelt – und zusammen mit Mitgliedern unseres Orchesters, darunter das Brendel-Quartett, bieten sie am Freitag den furiosen Abschluss des zweiten Traumzeit-Abends. Die Spielfreude der Schweden bringt das Publikum rasch in Bewegung, der Funke springt über.
Es gibt Passagen, in denen Sänger Adam Olenius sich tatsächlich wie Robert Smith anhört, bisweilen repetiert das Synthesizer-Xylophon Pattern, die man tatsächlich auch so bei “The Cure” hören könnte. Dennoch: Akkorde und Harmonien sind die des Indie-Rock und bleiben es selbst dann wenn Akkordeon oder Tambourin einsetzen. Sicherlich erfinden die Shout Out Louds das Genre nicht neu – aber sie schaffen es eine gewaltige Ladung an Energie und Spielfreude in ihre Songs zu packen. Wenn dabei dann Songs wie “Walls” oder “Fall Harder” herauskommen kann man als Independent-Hörer durchaus zufrieden sein.
Der dritte Tag rückte dann diejenigen in den Vordergrund, die im Orchester immer ganz hinten stehen: Die Perkussionisten. Um 16:00 Uhr eröffneten die Schlagwerker unsere Orchesters den Schwerpunkt Percussion an diesem Tag. Faszinierend, was in drei Tom-Toms an Klängen steckt. Faszinierend, dass Vibraphon und Marimbaphone ebenfalls ins Repertoire der Schlagwerkzeuge einzuordnen sind – die Komposition „Schatten und Differenzen“ von Frank Zabel verwob die Klänge der beiden Instrumente mit einer elektronischen Komponente. Welche Vielzahl an Instrumenten sonst noch normalerweise nur versteckt im Orchester zu finden sind zeigte dann das Stück „Fiesta del Sol“ mit karibischem Einschlag. Unter anderem Klanghölzer, Schnarren und vor allem Christoph Lamberti, der mit seinem Trommelsolo das Publikum von den Stühlen riss. Drei ereignisreiche Tage sind vorüber, wir freuen uns auf das nächste Jahr und auf neue, aufregende Kooperationen. Und wie ereignisreiche diese Tage waren, das sehen Sie sich am Besten nochmal selbst an…












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