13. November, 2009

Orgelcountdown | Laudes Organi – Teil 1

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Es sind nur noch wenige Tage bis am 14.11 die Orgel in der Mercatorhalle – unsere Majestät – zum ersten Mal zu uns sprechen wird. In seinem Artikel “Laudes Organi” verdeutlicht unser Intendant Dr. Alfred Wendel, warum die Orgel die Königin der Instrumente genannt wird. Im ersten Teil verdeutlicht er, warum diese Königin von Dichtern und Denkern der Vergangenheit verehrt wurde.

„Die Orgel, das erstaunenswürdige Instrument – sie, die alle Sprachen redet, die mit der süßen Lockstimme der Liebhaberinnen die Liebe Gottes in das horchende Ohr der Andacht haucht und Schrecken in das Ohr des Tyrannen brüllt, sie, die vollständige Posaune des Lobes Gottes, seiner schallenden Wunder und ihrer eigenen Majestät – ist der Ewigkeit würdig.“ Johann Gottfried Herders Lob der Orgel spiegelt die hymnische Haltung der Weimarer Klassik zu einem Instrument, dem Dichter und Musiker aller Zeiten den Rang der Herrschaft und Heiligkeit angedeihen ließen. Und in der Tat: Die Orgel vereint die Seligkeiten des Paradieses mit irdischen Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten und mit den tiefsten Abgründen. Die Orgel ist das Instrument der großen Leidenschaften. Sie ist irdisch, transzendent und abgründig zugleich und gerade deswegen so himmlisch. Die Orgel ist ein Windinstrument, geschaffen aus mannigfaltigen klingend gestimmten Pfeifen, Wind- und Regierwerk, eingehaust und mittels Spielanlage mit Manualen, Pedal und Registern beherrscht. Als wahres Aerophon lebt sie von dem, was Leben im Innersten durchwebt, dem Atem. Bis an die Enden der Erde füllt sie die Räume mit dem Sturm stimmgewaltiger Allmacht und flüstert dem Mikrokosmos das Säuseln Zephirs zu. Die Orgel, sie ist Kythera und Jericho zugleich. Insel der Seligen und apokalyptische Posaune. Sie betört und erschüttert bis in die Grundfesten des Seins.

König aller Instrumente

Und so gibt es auch niemanden, dem sie gleichgültig wäre. Herders Antagonist und Wahlverwandter Goethe beklagt in der „Italienischen Reise“ gerade die Erhabenheit des Instrumentes, der so ganz das menschliche Maß fehle: „Welch ein leidigs Instrument die Orgel sei, ist mir gestern Abend in dem Chor von St. Peter recht aufgefallen, man begleitete damit den Gesang bei der Vesper; es verbindet sich so gar nicht mit der Menschenstimme – und ist so gewaltig.“ Die Orgel polarisiert. Keiner kann ihr neutral begegnen. Ihre Allgewalt beschwört Himmel und Hölle. Sie kennt Liebe und Hass, Schöpfung und Zerstörung. Ihre Macht ist physisch spürbar – sinnliches Memento der Respiration. Wie ein menschliches Wesen braucht die Orgel Luft zur Erzeugung von Klang und ist jahrhundertelang das einzige Instrument, das in Tonumfang und Dynamik dem Spektrum der menschlichen Sinne nicht nur entspricht, sondern es sogar übersteigt – kein anderes akustisches Instrument vermag so tief und so hoch, so leise und so laut zu klingen, der Orgelton reicht weiter, als die menschlichen Grenzen je erhören. Michael Praetorius prägt 1619 das Wort von der Orgel als „König aller Instrumente“. Sein Argument: Das „vielstimmig liebliche Werk“ vereine nicht nur alles, was in der Musik erdacht und komponiert werden könne, sondern auch alle anderen Instrumente. Mozart popularisiert das Wort, bis es Königsmetapher wird. Auch wir begrüßen in der Mercatorhalle ja unsere Königin – als englische Queen freilich mit Her Majesty, „Ihre Majestät“. Was aber macht die Hoheit der Orgel aus? Die Orgel ist durch und durch Gebieterin, Ihr Regiment reicht so weit wie die Klänge der Welt. Ein musikalisches Empire durch alle Zeiten und Räume.

Pilgern zu den Wunderbauten

„Orgeln sind Wunderbauten, Tempel, von Gottes Hauch beseelt, Nachklänge des Schöpfungsliedes“, so Herder. Präzise im Detail greift das Wort des Klassikers von der Orgel als Architektur: Die Orgel ist die einzige wahre Immobilie unter den Instrumenten. Sie ist nicht transportabel, niemals tourt sie durch Kirchen, Hallen und Konzertsäle. Die Orgel ist Ruhende, nicht Reisende, sie thront und residiert, ist immer da. Als eigens für und in dem Raum Errichtete ist sie zutiefst autochthon. An ihrem immer gleichen Ort erwartet die Orgel ihr Publikum. Einem Ort, definiert durch ihre pure Anwesenheit als Weihestätte des Klanges. Sie fordert den Modus des Pilgerns, um Gehör zu schenken. Die Orgel gewährt im Wortsinne Audienz. Gibt man in die Internet-Suchmaschine, dieses ephemere Organon assoziativen Wissens, den Herderschen Begriff „Orgeln sind Wunderbauten“ ein, so lautet übrigens die Rückfrage wahrhaft autopoetisch: „Meinten Sie: Orgeln sind Sonderbauten?“ Das Grimm’sche Wörterbuch beschreibt die Orgel als „ein aus vielen Blasinstrumenten (Organa) zusammengesetztes und durch ein Windwerk zum Tönen gebrachtes Tonwerkzeug (besonders die Kirchenorgel), das zur Zeit Karls des Großen in Deutschland bekannt geworden“ sei und den „fremden Namen beibehalten“ habe – „ahd. organâ, orginâ (aus dem Plural des griech.-lat. organum, s. organ), mhd. organa, orgena, orgene; […] nhd. nur orgel – ein zerbrochens griechsch wörtel, gantz heist es organon“.

Von mediabot

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