19. November, 2009

Orgel für alle | Die schillernden Facetten einer Majestät

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Eine leibhaftige Königin hätte sich keine bessere Einführung wünschen können: Lange Schlangen an den Türen der Mercatorhalle, die Halle selbst zu allen Zeit voll besetzt. Kein Wunder, dass unsere Orgel dann auch alle Facetten ihres Könnens zeigte – ob als Soloinstrument oder zusammen mit unserem Orchester, ob mit französischem Flair oder englischem Naturell. Eines war sie gewiß nicht: Schüchtern.Besonders großen Zulauf hatte an diesem Tag der Vortrag von Jiri Kocourek, der Geschäftsführer der Firma Eule führte auf der großen Leinwand das Publikum durch die Entstehungsgeschichte – die ersten Besuche in England wurden ebenso gezeigt wie der Transport der verschiedenen Bestandteile und nach und nach konnte man anhand der Photos nachvollziehen wie die Orgel Stück für Stück zusammengesetzt wurde. Selbst dem Webteam, das ja die Entstehung der Orgel von Anfang an begleiten durfte, wurde noch manches an neuen Informationen gereicht. Und wenn wir demnächst sagen dürfen, dass die Orgel einen Vogel besitzt – dann dürfen wir das mit Fug und Recht. Denn wie alle großen Orgeln hat auch unsere ein besonderes Register. Was für ein Vogel erscheint, wenn dieses Register gezogen wird? Nun, unsere Orgel wurde von der Firma Eule gebaut – da dürfte diese Frage ja wohl keine Antwortschwierigkeiten geben. Scherzhaft wurde im Publikum schon gemeint, dieser Vogel sei ja nun das neue Wappentier Duisburgs.

Wie reichhaltig die englische Orgelmusik ist, vielleicht auch mal eine Alternative für das Vorspiel im sonntäglichen Gottesdienst, zeigte der nächste Programmpunkt – mit “The imperial tone” bewies die Orgel, dass sie ihren englischen Vorbildern mehr als gerecht geworden ist. Und das ein oder andere Werk der hierzulande unbekannten Komponisten könnte durchaus öfters zu Gehör gebracht werden.

Michael Porr und Marcus Strümpe zeigten dann die heitere Seite unserer Majestät. Angefangen mit dem “Einzug der Gladiatoren,” wohl dem bekanntestem Zirkusmarsch überhaupt, schloss sich im Reigen der etwas heiteren Stücke dann die kompletten Ouvertüren aus der “Zauberflöte” und der “Fledermaus” an, der “Tanz der Zuckerfee” wurde verjazzt. Ein Abstecher in die Muppetshow folgte, dann durfte das Publikum auch endlich mitsummen oder mitsingen oder mitpercussieren: “Somewhere over the Rainbow”, “Chanson d’amour”, “Pack die Badehose ein”, “Zwei kleine Italiener”. Selbstironische Moderationen gehörten zum Programm auch dazu.

Statt dem “Karneval der Tiere” folgte dann für die Kinder die “Konferenz der Tiere” nach Erich Kästner. Mit Markus Eichenlaub an der Orgel präsentierten sich sowohl Löwe als auch Elefant und Giraffe in musikalischem Gewand. Christoph Werkhausen erzählte mit Verve von der Konferenz, die die Tiere einberufen weil es ihnen mit den Menschen allmählich zu bunt wird – immer nur Kriege, Seuchen, Hungersnöte. Da muss man doch etwas tun. Das Kinderbuch von Kästner, das nicht so bekannt ist wie seine anderen Werke für die Kleinen, verpackt eine humanistische Botschaft in eine spannende Geschichte. Da bleibt dann auch viel Raum für die lebhafte Darstellung der unterschiedlichen Figuren.

Organisten können auch dirigieren – das stellten Markus Strümpe und Peter Bartetzky zum Finale des Tages unter Beweis. Zu Bachs Zeiten war das Wort Clavier einfach nur eine Bezeichnung für Tasteninstrumente. So war es auch kein Stilbruch, wenn das Konzert d-Moll, BWV 1052a, zu Beginn des letzten Programmpunktes erklang anstatt mit dem Cembalo mit der Orgel gespielt wurde. Das Konzert mit dem schwungvollem Thema zu Beginn des ersten Satzes ist zwar bei Bach-Kennern immer etwas umstritten gewesen, aber Albert Einstein war es, der mit den Worten “Wer außer Bach hätte denn solch ein Werk schreiben können” die Zweifel beiseite wischte.

Das Werk des zeitgenössischen Denis Bèdard, welches Markus Strümpe schließend dirigierte, war entgegen allen Vorbehalten gegenüber “moderner” Musik ein effektvolles, mit den Möglichkeiten der Orgel spielendes Konzert, das in der Tradition der französischen Orgelwerke stand. Die einfache, tonale Schlichtheit – das Stilmittel Bedards – konnte die Zuhörer in der Mercatorhalle fesseln. Seine Musik sucht die Kommunikation mit dem Hörer, eingängig und melodisch – dabei aber auch sehr zart und nuancenreich.

Man darf gespannt sein, welche spannenden Werke aus der englischen Orgeltradition, aus der französischen oder vielleicht sogar aus Südamerika oder Japan uns demnächst von unserer Majestät präsentiert werden. Unsere Majestät ist schon nach nur zwei Tagen eine Königin der Duisburger Herzen geworden. Gerade oder trotz ihres kleinen “Vogels”.

Von Christian Spließ

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