15. November, 2009

Ihre Majestät zieht ein | Konzert zur Orgeleinweihung

Foto: Christoph Müller-Girod

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Gerade ist Thomas Trotter in den letzten Takten der Zugabe. Mit “The Typewriter” von Leroy Anderson stellt er das Glockenspiel-Register unserer neuen Konzertorgel vor. Gerade hat der Assistent die Noten umgeblättert und sich entfernt als unerwarteterweise die vorletzte Seite sich von selbst zurückblättert. Auf der Hälfte des Rückwegs bemerkt der Assistent das, kehrt nochmal rasch um – aber mit einer Seelenruhe spielt Trotter die letzten Takte des Stückes auswendig aus dem Kopf. Dass Trotter dann vor der Pause noch Standing Ovations entgegennehmen konnte versteht sich dann wohl von selbst. Doch vor der Kür gab es die Pflicht – mit machtvollen Akkorden eröffnete Ivetka Apkalna das Orgelkonzert zur Einweihung unserer Majestät. Zwischen wahren Klangkaskaden und filigranen Tonreihen ist das Werk von Joseph Jongen, die “Sonata Eroica cis-Moll op.94″ angesiedelt. Das Werk stellt den Organisten vor diffizilen Herausforderungen, die die Klangvielfalt der Orgel besonders in Szene setzen.

“Donnerwetter” – das habe er, Oberbürgermeister Sauerland, gedacht als er die vielen Holz-, Zinn- und Lederteile in der Firma Eule in Bautzen zu Gesicht bekam. Er fuhr weiterhin in seiner Ansprache fort, dass die Orgel in der Mercatorhalle schon jetzt sehr begehrt sei – Anfragen von Organisten aus aller Welt erreichten das Haus und darüberhinaus sei dieser Tag nicht nur ein weiterer kultureller Höhepunkt für die Rhein-Ruhr-Region. Er sei auch ein Zeichen dafür, dass die Entwicklung Duisburgs trotz der Probleme – auch im kulturellen Bereich – weitergehen würde.

OB Sauerland: “Weiteres Kulturhighlight der Rhein-Ruhr-Region”


Foto: Christoph Müller-Girod

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Anschließend dankte auf charmante Weise Frau Anne-Christine Eule, Enkelin von Ingeborg Eule, ihren Orgelbauern und Angestellten, die mehr als die normal übliche Arbeitszeit in die Herstellung dieser Orgel gesteckt hätten. “Das habe ich gesehen”, sagte sie lächelnd und erklärte anschließend den alten Brauch, dass bei der Einweihung der Orgel der Rauminhalt der größten Orgel mit Wein gefüllt wurde. Damit wurde der Orgelbaumeister bezahlt und die Gemeinde feierte zusammen. Heute würde sich das auf eine kürzere Zeremonie mit den Verantwortlichen beschränken, zu denen unter anderem die Orgelkomission mit unserem Intendanten Dr. Alfred Wende zählte sowie auch Jonathan Darlington und Kulturdezernent Karl Janssen.  Vielleicht läge das an der Hektik unserer Zeit, dass die Zeremonie nur so kurz wäre fragte Frau Eule? OB Sauerland bezog sich kurz darauf auf dieses Statement und konstatierte: “Zeit haben wir genug mitgebracht, der Wein ist hervorragend – es geht gleich weiter.”

Nach der “Fuge in G-Dur”, BWV 577, stellte Organist Thomas Trotter die folgenden drei Werke vor, die den ersten Teil des Programms beschlossen. So würde “Canzona und Scherzetto” von Percy Whitlock in die Welt von Elgar führen. Ein Werk, das typisch für den Stil der Zeit sei. Hier konnten die Flötenregister der Orgel zu Gehör gebracht werden. Paganinis 24. Caprice für Violine solo ist in der Musikgeschichte ja desöfteren Inspiration für Komponisten gewesen. Dass das Thema auch Anlaß für Orgekompositionen ist, sollte da nicht wundern. Furios wirbelten die Beine von Trotter über die Orgelpedale. Erst in der Toccata, der letzten Variation der “Variationen über ein Thema von Paganini für das Orgelpedal” von George Thalben-Ball durften dann die Hände in die Manuale greifen. Übrigens, so merkte Trotter an, sei Thalben-Ball einer seiner Vorgänger als Birmingham City Organist gewesen. Dessen “Elegy” wurde beim Begräbnis von Prinzessin Diana gespielt – vielleicht wird dieses Werk auch demnächst in der Mercatorhalle zu hören sein.

Foto: Christoph Müller-Girod

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“Rienzi”-Ouvertüre: Überraschende Neuentdeckung eines Klassikers

Wagner auf der Orgel? Im 19. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches, denn im Zeitalter vor Radio und CD, in dem die Konzerte sehr teuer gewesen wären, waren Transkriptionen die Möglichkeit auch für den nicht so betuchten Bürger Werke der Orchesterliteratur zu hören. Überaus effektvoll war in dieser Kunst Edwin Henry Lemar, dessen Bearbeitung der Ouvertüre zu Wagners Frühwerk “Rienzi” von Trotter gespielt wurde. Vielleicht, so stellt man beim Hören dieses Werkes fest, dessen Marsch-Thema seit Jahren das eines bekannten Fernsehmagazins ist, sind Verdi und Wagner doch nicht so weit auseinander. Wie genau und sorgfältig die Transkription mit Wagners Werk umging wurde schon beim ersten Ton hörbar – hier war das Trompeten-Register der Orgel gefragt – und die zarten Abstufungen, die den Ton an- und abschwellen ließen waren ebenso faszinierend wie die Übersetzung der Geigenparts bei der Wiederkehr des Marsch-Themas. Eine überraschend-frische Neuentdeckung.

Zum Schluss war die Orgel in der Mercatorhalle gemeinsam mit den Duisburger Philharmonikern zu hören. Zwar ist das Werk von Aexandre Guilmant in Deutschland nicht bekannt, doch der Organist ist in Frankreich eine Größe. Seine “Sinfonie für Orgel und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 42″ ist eine Bearbeitung seiner Orgelsonate Nr. 1. Die Klangwucht des dritten Satzes, in dem das Blech sehr präsent ist, wird in diesem dreisätzigen Werk teilweise schon im ersten Satz angedeutet. Die Orgel stellt das prächtige Thema vor, das Orchester wirft in den ersten Takten nur kurze Passagen ein. Die Verarbeitung stellt Orchester und Solo-Instrument als Dialogpartner dar – besonders im zweiten Satz mit dem wiegend-leichtem Thema, das im Orchester später von den Geigen aufgenommen und von der Orgel mit Akkorden begleitet wird, wird das deutlich. Zum Schluss dann: Eine machtvolle Zelebrierung der Klangkörper in einem furiosem Finale. Wahrlich – ein Ende wie angemessen für eine Königin. Aber – um Frau Anne-Christine Eule zu zitieren – sollte man nicht vergessen, dass “eine Orgel genau wie eine Majestät ein empfindsames und zartes Wesen besitzt.” Auch wenn man das unter all den prächtigen Kleidern vielleicht nicht auf den ersten Blick sieht.

Von Christian Spließ

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