EXTRASCHICHT | Kulturförderung im Landschafts-Park Nord
Foto: Christoph Müller-Girod
Andächtig und langsam schwebt das Fagott über die Köpfe der Menschen. Laszlo Kerekes ist sichtlich erleichtert als er sein Instrument in Empfang nehmen kann und damit auf die Bühne eilt. Dichtgedrängt stehen die Menschen aneinander und selbst für die Security ist das Durchkommen fast ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist die lange Nacht der Industriekultur im Duisburger Landschafts-Park Nord Weiter lesen…
Foto: Christoph Müller-Girod18:00 Uhr. Vor der Kasse bildet sich allmählich eine lange Schlange. Die Helfer in den orangenen Westen haben alle Hände voll zu tun – Fragen beantworten, Wegbeschreibungen geben, resolut aber höflich den Durchgang verweigern. Ab und an hebt sich die Schranke am Haupteingang des Landschafts-Parks Nord um den Wagen des Roten Kreuzes durchzulassen. Um diese Uhrzeit ist ein durchaus skeptischer Blick zum Himmel durchaus angesagt: Wird es nun regnen oder eher nicht? Doch diese Frage können selbst die Helfer in den orangenen Westen nicht beantworten. Man wird sehen müssen.In der Kraftzentrale spielt währenddessen das Brendel-Quartett – der erste Anlaufpunkt an diesem Abend für das Webteam. Es ist noch früh an diesem Abend, die Halle noch nicht ganz gefüllt zudem ist das Wetter noch einigermaßen gut so dass erst ein paar Neugierige den Weg in die Kraftzentrale gefunden haben. Während des Abends wird ab und an das Dröhnen der Dampflokomotive von draußen zu hören sein, die heute die bewundernden Blicke der Besucher genießen kann anstatt ihre Runden zu drehen.Strategisch günstig hat sich der Getränkestand am Cowper-Platz platziert: Direkt gegenüber der Bühne auf der Kammermusik der Philharmoniker zu hören sein wird. Vier entzückende junge Damen – drei Praktikantinnen, eine Ex-Praktikantin – spielen Beethoven. Energisch. Leidenschaftlich. Der Kreis der Zuhörer wächst allmählich. Der ein oder andere Zuhörer wird vielleicht das Praktikantenkonzert im City-Palais besucht haben und sich jetzt nochmal an der Darbietung des Streichquartetts erfreuen.Schon bei der Ankunft hat das Webteam die drei Alphörner entdeckt, die neben dem Bühnenzelt lagen. Alphörner? In Duisburg? Normalerweise assoziiert man damit eher strahlend grüne Wiesen, glückliche Kühe und – nun – gepflegte Volksmusik aus Bayern. Traditionelle Stücke waren durchaus zu hören, dass Alphörner allerdings auch richtig swingen können, dass muss man dann selbst mal gehört haben. Kurz nachdem das Alphorntrio dann geendet hatte regnete es so stark, dass man kurzerhand die restlichen Teile des Programmes in die Kraftzentrale verlegen musste.Schon im letzten Jahr im Hundertmeister und auf dem BarcampRuhr 2 konnten die Philharmonixx begeistern. Zu kämpfen hatte das Trio zuerst allerdings mit der Technik – durch das Verlegen des Spielorts wurden die Mikrophone erst später installiert werden. Mittlerweile hatte sich die Kraftzentrale gut gefüllt. Kopfnicken, Füßewippen, Schnipsen: Der Mix aus Klassik und Jazz sowie die eigens für die Musiker geschriebenen Stücke überzeugten. Natürlich besonders das Stück “Zebrastreifen nicht ganz” in dem Friedemann Dreßler den Zebrastreifentwist des MSV verarbeitete. Man darf auf die CD, die vor kurzem mit Kai Magnus Sting aufgenommen wurde gespannt sein.Friedemann Dreßler war dann mit dem Celloquartett zu hören und ein Hauch von Salonmusik wehte durch die Kraftzentrale. Sicherlich hat man die Pizzicato-Polka von Strauß schon desöfteren gehört – doch auf vier Celli ist das Stück schon eine Besonderheit. Der sangliche, volle Ton der Instrumente breitete sich dann beim Arrangement von “Yesterday” aus.Dass die Sprache des Ruhrgebiets eine ganz Besondere ist, das steht fest. Eine Beobachtung, die Kai Magnus Sting amüsant aufbereitet. Wo sonst würde man Wörter wie “Hömma” oder “Jau” hören? Doch nur im Ruhrgebiet. Gerade deswegen sei doch das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt 2010 geworden – der Sprachmelodie wegen. Den Schlussgag des gemeinsamen Programms von Kai Magnus Sting und den Philharmonixx muss man selbst gesehen haben: Nach und nach werden die Instrumente demontiert bis zum Schluss nur noch das Blättchen bleibt. Das passende Stück dazu: “Winter ade”. Angesichts der schwülwarmen Atmosphäre in der Halle durchaus ein passendes Stück.Später wird Matthias Schriefl mit seiner Uraufführung “Frisches Köpi” die Menge an der Gebläsehalle begeistern. Momentan allerdings sortiert er erstmal diverse Instrumente, die so gar nicht in die Klassik zu passen scheinen. Eine Harmonika, Kuckucksflöte, diverse bunte Instrumente und Geräte aus Plastik in knallbunten Farben. Ein kleines elektronisches Gerät noch dazu plus Trompete: Das alles reicht um ein Ein-Mann-Orchester zu bilden. Durch die übereinandergeschichteten Aufnahmen – den sogenannten Loops – bildet sich nach und nach eine spannende Klangkollage. Dabei hätte man schon an der Kleidung ahnen können, dass jetzt erstmal Schluss mit der normalen Klassik ist. Das der erdfarbene braune Anzug und das sehr orangene Hemd erinnern an die 70-ger Jahre.Nur ein kurzer Blick bleibt auf den illuminierten Landschafts-Park – es wird allmählich Zeit für das gesamte Orchester, das diesmal von Anthony Weeden geleitet wird. Der sich prompt beim Publikum dafür bedankt, dass es das britische Wetter mitgebracht habe. Pünktlich ab 22:30 Uhr erklingt Musik, die zur industriellen Kulisse passt. Dass die Duisburger ihr Orchester mögen wäre eine Untertreibung – dichtgedrängt stehen die Menschen vor der Bühne, neben der Bühne und einige Mutige haben sich sogar eine Etage höher gewagt und beobachten von dort aus das Geschehen. Petrus ist diesmal gnädig: Der Platzregen hat sich gelegt, der Himmel aufgeklärt und mit Wagners Vorspiel zum dritten Akt von “Lohengrin” beginnt das Programm. Enden wird es mit der Ouvertüre 1812 von Tschaikowski.Schließlich ist es dann doch irgendwann des Guten nicht Zuviel, aber genug: Mit schweren Beinen wandert das Webteam durch den Landschafts-Park in Richtung Ausgang. Ein langer Abend geht zu Ende – aber einer, der sich gelohnt hat. Einerseits wegen des faszinierenden Spielortes. Andererseits weil die Extraschicht wieder bewiesen hat, dass Klassik Menschen berühren kann. Jeder Altersgruppe.





10:26 Uhr
Wir waren auch da und von der Atmosphäre des Landschaftsparks beeindruckt. Wir fanden sogar, dass durch die von der Industriekultur ausgehende Grundstimmung ein neues Hörerlebnis, eine neue Interpretation der Musikauswahl bot. Unsere Eindrücke haben wir in einem Artikel verarbeitet. Das verspricht ja ein aufregendes 2010 zu werden!