05. März, 2009

Eine Stadt wird zum Konzertsaal


Bild: Blog-Header philharmoniker.next.jvm.de/blog/

100 Musiker, 50 Orte, 1 Stadt, 1 Konzert- in Hamburg fand am letzten Wochenende “Das grösste Konzert der Welt” statt. Die Idee: an 50 verschiedenen Orten saßen die Musiker der Hamburger Philharmoniker über Hamburg verteilt und spielten, unterstützt durch eine TV-Übertragung der Dirigentin Simone Young, Brahms. Spannend, dachte ich mir und suchte neugierig nach Informationen. In der Pressemitteillung las sich die Ankündigung dann so:

Die Hamburger Philharmoniker und ihre Generalmusikdirektorin Simone Young wollen die Stadt am Montag in den “größten Konzertsaal der Welt” verwandeln. Für das einmalige Ereignis sollen 100 Musiker an 50 Orten ein Konzert spielen, wie eine Sprecherin des Orchesters am Donnerstag mitteilte. Gespielt werde die 2. Symphonie von Johannes Brahms. Für die Aufführung, die voraussichtlich um 18.30 Uhr beginnt, stellt Young ihr Dirigentenpult in 108 Meter Höhe auf dem Turm der St.-Michaelis-Kirche, des berühmten Hamburger “Michel”, auf. Die Musiker befinden sich an 50 verschiedenen Stellen in der Innenstadt in Geschäftsräumen, Privatwohnungen und auf öffentlichen Plätzen. Für die Hamburger werde dies eine ganz neue Konzertform sein, kündigte die Sprecherin an. Man könne entweder den einzelnen Stimmgruppen zuhören oder die ganze Symphonie später im Internet unter philharmoniker-event.de verfolgen.

Die technische Umsetzung des Projekts erfordert den Angaben zufolge eine aufwendige Logistik. Alle Musiker könnten Youngs Anweisungen über den lokalen TV-Sender Hamburg 1 per Fernseher verfolgen. Mit Hilfe einer sogenannten Tonsumme werde das Zusammenspiel außerdem akustisch koordiniert. Für die Internetseite sollen dann Aufnahmen von den einzelnen Standorten zusammengemischt werden.

Idee und Konzeption stammen laut der Sprecherin von der Agentur Jung von Matt, die sich auch als Sponsor engagiert. Deren Geschäftsführer Götz Ulmer sagte zu dem Event: “Es ist der beste Beweis dafür, wie unklassisch Klassik daherkommen kann.”

Young bezeichnete das Konzert als logistische Herausforderung und “verrücktes Projekt”. Sie betonte: “Wir bringen die Musik an all die Orte, die den typischen Charakter Hamburgs ausmachen. Wir wollen Begeisterung in der Stadt wecken, und alle Hamburger sollen erleben, dass wir ein Teil von ihnen sind.” Hamburg (ddp-nrd)

Die Video-Ankündigung machte ebenfalls neugierig:

Leider finde ich noch keine offiziellen Videos, wie sich das am Konzerttag für die Zuschauer dargestellt hat. Aber bei YouTube fand ich immerhin ein Video einer Besucherin, dass (leider in Handy-Qualität) einen kurzen Einblick gibt:

Auch der Deutschlandfunk berichtete über das Konzert (Dank anNorbert Hayduk für den Hinweis):


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Was war das nun eigentlich? Eine innovative Konzertidee? Ein Marketing-Gag? Oder eine neue Idee, klassische Musik einem neuen Publikum zu präsentieren?

Liest man die Kommentare in Hamburger Zeitungen, waren die Besucher vor Ort nicht gerade gegeistert. Sie konnten dem ferngesteuerten Konzert nicht folgen, Fotografen und Journalisten störten oft die Musiker und Zuhörer, die Auswahl der Orte erschien vielen unpassend. So konnte wohl kein wirklicher Musikgenuss aufkommen.

Den Musikern war oft sehr kalt und es fiel ihnen schwer, ihre Instrumente in der gewohnten Professionalität zu spielen. Auch hier muss man sicherlich Abstriche an der dargebotenen Qualität machen.

Was aber war nun der Benefit der durchaus aufwendigen und bestimmt auch kostspieligen Veranstaltung?
Liest man sich durch die Menge der Online-Berichte, so kann man aber sagen, dass sie für grosses überregionales Aufsehen sorgte. Und wahrscheinlich war das auch das Ziel: Werbung. Werbung für  klassische Musik bei neuen /jüngeren Hörern, Werbung für Hamburg, für die Philharmonie, für den Sponsor. Immerhin erhält das Orchester bald ein architektonisch grossartiges (zumindestens gefallen mir die Entwürfe sehr gut) und exorbitant teures neues Konzerthaus. Aber ehrlich: die (Marketing-) Strategie dahinter verstehe ich nicht, obwohl der Sponsor  ein sehr renommierter Werber ist und der wird sich seinen Teil dabei gedacht haben.
Aber ohne Multimedia-Dokumentation, ohne Web-2.0-Kommunikation über Communities wie flickr, Youtube, Twitter usw. erreicht man nicht die neuen Zielgruppen. Und ohne die Musiker als Menschen einzubeziehen hat dieses Event keine Seele, da die Musik in dieser Aufstellung sie nicht transportieren kann. Aber was wollte der Sponsor/das Marketing-Unternehmen dann damit vermitteln? Das ist die Frage, den Geld “Just for the Arts” zu verschenken hat heutzutage kein Unternehmen mehr.

Ich war leider nicht vor Ort und es würde mich interessieren, was Zuschauer dieses Konzerts davon gehalten haben. Aber auch, wie diese Konzertform darüber hinaus, z.B. im Web, angekommen ist. Vielleicht versteht man dann auch das Konzept hinter dieser Aktion besser.
Vielleicht ist das ja auch der sprichwörtliche direkte Weg, den “Mann auf der Strasse” für Klassik zu begeistern. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf eure/Ihre Meinung.

Von Christoph Müller-Girod
Allgemein

Kommentare

  1. Das ist sehr kontrovers und gleichzeitig noch schwer Einzuschätzen, weil es noch keinen Mitschnitt gibt.
    Für mich ist das aber ein Wiederspruch an sich zwischen “wir kommen zu den Menschen” und “wir werden wieder elitär, weil die Größten”. Ich glaube nicht, dass durch diese Aktion neue Zuhörer gewonnen werden konnten. Es reich nicht ein Sexshop zu betreten um die Kunden zu gewinnen, man muss auf der selben Kommunikations- und Verständnisebene sein.

  2. Günter Landsberger 6. März 2009
    06:14 Uhr

    Gigantomanisches, “Event” um des Events willen, stößt mich immer ab, macht mich zumindest skeptisch. (Skeptisch bin ich ja selbst bis heute noch bei der legendären Linzer “Klangwolke”, von der ich allerdings auch nur vom Hörensagen weiß. Vgl. http://www.klangwolke.at/2001/klass_ue_2001.php.)
    Unter “Innovation” verstehe ich in keinem Fall das Neue um jeden Preis.
    Aktionismus ist nicht ernsthaftes “Tun”. Und die Qualität bleibt auf der Strecke.

  3. Hallo,

    da spiele ich jetzt mal den advocatus diaboli:
    Hat eine solche Aktion nicht schon ihren Zweck erfüllt, wenn sie neue Hörergruppen erreichen kann? Ist es nicht ein Glück für die Hochkultur, wenn eine renommierte Agentur einem Orchester dabei hilft, Bekanntheit=Sponsoren=mehr Kultur zu generieren?
    Wie gesagt, mir ist die Zielrichtung dieses Events nicht klar, aber ich denke mal, das war die gedachte Richtung.
    Es lässt sich jetzt natürlich trefflich darüber streiten, ob dieses Ziel erreicht wurde.

    Gruss,
    Frank Tentler

  4. Günter Landsberger 6. März 2009
    13:09 Uhr

    Aufsehen erregen allein reicht noch nicht. Das verpufft meistens. Die Substanz muss spürbar sein.
    (Vielleicht wurde ja auch die sonst – im Konzertsaal – erzielbare Qualität verdeckt hörbar gemacht. Die Musiker wären dann Doubles ihrer selbst gewesen.)

  5. Hallo Herr Landsberger,

    aus dem Radiobeitrag glaubte ich auch zu entnehmen, dass die Musiker sich eher wie (frierende) Statisten fühlten. Vielleicht sollte man man einen der MAcher der Agentur dazu befragen. Ich werde das mal probieren.

    Gruss,
    Frank Tentler

  6. Ich möchte es sehen. Eigenartigerweise hieß es zunächst “a, nächsten Tag hier zu sehen”, jetzt steht auf der Page “ab Montag 18 Uhr”. Wenn sie nicht mal eine Mindestqualität geliefert haben, dann war es eher Panne als Erfolg.

9. Philharmonisches Konzert

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