Die Hochkultur ist im Web 2.0 angekommen

“Klassik? Nein danke.” – Bis vor kurzem dürfte das in Duisburg und in Halle wohl so Mancher gedacht haben, denn die klassische Musik als sogenannten Hochkultur hat kein gutes Image. Streng und zugeknöpft präsentierte sie sich bis vor einem Jahr in Duisburg, unattraktiv für junge Leute, gemeinhin galt Klassik als etwas, was fern, distanziert und unerreichbar war. Bis vor einem Jahr jedenfalls.
Doch dies hat sich grundlegend geändert: Die Besucherzahlen der Duisburger Philharmoniker in der letzten Saison haben zugelegt. 34 349 Besucher verzeichnete die Stastik in Duisburg für 2008/2009. Die Zahl der Abonnenten ist ebenfalls gestiegen berichtet DerWesten. Desöfteren müssen enttäuschte Besucher an der Tageskasse abgewiesen werden weil die Konzerte restlos ausverkauft sind. Dies liegt sicherlich daran, dass die Duisburger Philharmoniker “Weltklasse auf hohem Niveau” darbieten. Doch ein Teil des Erfolgs macht auch sicherlich das aus, was jetzt in Halle mit der Premiere des Edgar-Allan-Poe-Musicals begonnen hat: Die Entdeckung des Web 2.0 für die Kultur.
Das soziale Leben der Menschen hat mit der Erfindung der neuen Kulturtechniken wie Twitter, Facebook, Blogs und Podcast eine neue Komponente bekommen: Der Internetuser kann aktiv am Internet teilnehmen, kann seine Gedanken unmittelbar ausdrücken, sich Informationen direkt von denjenigen beschaffen mit denen er “Freundschaften” geschlossen hat. Die Gatekeeper-Funktion des Journalismus ist damit praktisch abgeschafft. Sicherlich ist Journalismus, das ist keine Frage, heute ebenso nötig und notwendig wie eh und je, doch das Filtern von Informationen erledigt der Internetuser heute selbst. Gab es früher nur den Freundeskreis, den man persönlich von Angesicht zu Angesicht kannte so kommt heute ein weiterer Kreis dazu, den man vielleicht nie im Leben persönlich kennenlernt. Dennoch aber zu seinem sozialen Umfeld zählt.
Für die Kultur war bisher diese neue Art das Internet zu nutzen eher etwas, was unter ferner liefen stattfand. Die neuen Kulturtechniken spielten keine Rolle, weil man offenbar annahm, dass das Interesse an Klassik in den Kreisen, die diese Kulturtechniken benutzen wohl eher gering ist. Die Reaktionen beweisen allerdings das Gegenteil. So bringt die Suche nach Reaktionen auf “Poe” bei Twitter Reaktionen der Zuschauer hervor, die früher so nicht direkt zugänglich gewesen wären. Ein direkterer Kontak zur Zielgruppe, die teilweise sogar während der Premiere ihre Meinung kundtut, ist kaum denkbar. Durch das sogenannte Retweeten, das Weitergeben von Links an andere Twitterer verdoppelt und verdreifacht sich noch die Reichweite der sozialen Interaktion.
Die Reaktionen auf die ersten Schritte der Bühnen Halle ins Web 2.0 bestätigen das, was die Duisburger Philharmoniker mit dem Blog Dacapo erfahren haben. Seit September 2008 blogt das Webteam über die Aktivitäten des Orchesters, stellt bei Youtube und Vimeo Hintergrund-Videos ein und greift auf die schon vorhandenen Web-2.0-Angebote zurück. Die Resonanz hat das Orchester überrascht: Die Reaktionen der Blogger, der Podcaster, der Menschen, die die neuen Kulturtechniken nutzten waren überwältigend.
“Bei der Philharmonie Duisburg wird das Medium klassische Musik zu einem Gesamtereignis, tritt heraus aus dem muffigen Schatten der Hochkultur, lässt sie frisch und jung erscheinen und erschließt damit eine komplett neue Hörerschaft. Klassik wird mit einem Male auch für junge Menschen salonfähig. Und hautnah erlebbar,” stellt das Blog Alles Roger fest. “Wenn mir vor 10 Jahren mal einer gesagt hätte, daß ich mal auf ein hochkarätiges [sic] Klassikkonzert gehe, zu dem ich durchs Internet eingeladen wurde, hätte ich denjenigen wahrscheinlich mit meiner fürchterlichsten Hardcore-Punk-Grufti Lache ausgelacht :) … Durch das Web 2.0 / Social Media Projekt der Duisburger Philharmoniker wird Klassik plötzlich ganz anderen Leuten nahe gebracht,” stellt der Probefahrer fest, um hinzuzufügen: “Sehr sympathisch fand ich ja, daß ein Bratschist, Bratschenspieler, wie auch immer ein kleines bißchen verspätet aus der Pause kam – auch bei solchen Super-Profis handelt es sich halt immer noch um Menschen :-)”
Genau dieser Aspekt wird durch die neue Vermittlung von Kulturinhalten deutlich gemacht: Diejenigen, die Kultur schaffen, sind genauso Menschen wie alle anderen. Mit Vorlieben, mit Abneigungen. Sie können stundenlang über ihre Lieblingsstücke reden, können erzählen wie es ist vor dem Konzert nervös zu sein, können Einblicke in ihre Arbeit geben die sonst hinter dem Bühnenvorhang passiert.
Gerade die Kultur hat ein unendliches Potential, einen unschätzbaren Fundus an Geschichten, die über den Rahmen der klassischen Medien hinaus erzählt werden können.
Wie gut, dass jetzt endlich die Möglichkeiten gegeben sind sich diese Geschichten anzuhören.






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