19. Februar, 2009

7.PHILHARMONISCHES KONZERT | Musikwonnen und Hörplatzgedanken

INFO-BOX: Alle Informationen zum 7. Phil. Konzert auf einen Blick
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Musikwonnen und Hörplatzgedanken

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Herrn Günter Landsberger)

Wie entstehen Konzertprogramme? Und wie Programmfolgen?Hier im konkreten Falle des 7. Konzertes der Duisburger Philharmoniker: Was war da zuerst gesetzt? Das Beethovensche Violinkonzert? – wegen der vorab projektierten Konzertreihe mit bedeutenden Violonisten? Oder zunächst gar die Strausssche „Quixote“-Musik, die alsdann nach einer passenden Gegen- oder Ergänzungsmusik verlangen ließ?
Wenn es als Gegenpol zu Richard Strauss kurzentschlossen etwas von Beethoven sein sollte, wäre man thematisch vielleicht auf Beethovens „Musik zu einem Ritterballett“ gestoßen – und hätte sie doch recht bald als hier etwas zu Leichtgewichtiges verwerfen müssen. Wenn, dann sollte es schon ein großes, bedeutendes, komplementäres Werk sein, das die Möglichkeit zu einer Teilung des Konzertabends in zwei annähernd gleichwertige Hälften bot.Fotos:Christoph Müller-GirodWas mich nun selber betrifft, so habe ich den „Quixotte“ (recht kurzfristig auf einer Pragreise vor etwa 10 Jahren) schon einmal in einem Live-Konzert hören dürfen, d a in Kombination mit der rekonstruierten 10. Symphonie Gustav Mahlers, und zwar mit der Tschechischen Philharmonie unter Vladimir Aschkenazy und Mischa Maisky + Kim Kashkashian. Um es vorwegzunehmen: Wir bekamen damals sehr kurzfristig nur recht ungünstige Plätze in der allerersten Reihe unmittelbar vor dem sehr hohen Rudolfinumspodium. So erinnere ich mich merkwürdigerweise m e h r an die grünen Schuhe des Cellisten, an das einzige nämlich, was ich von ihm wegen unserer Sicht-behinderung zu Gesichte bekam, als an das eigentlich Wichtigste, als an die Musik.Das war beim gestrigen Mercatorsaal-Konzert glücklicherweise ganz anders. Wir hatten genügend Abstand und konnten das Werk als Ganzes auf uns wirken lassen.Musikwonnen und Hörplatzgedanken (2)Beethovens Violinkonzert nun, sein einmaliges, einzigartiges, hatte ich zuvor – im Unterschied zu vielen anderen Violinkonzerten vieler anderer Komponisten – in einem Konzertsaal noch nie gehört, kenne es aber von sehr vielen Rundfunk-, Schallplatten- und CD-Aufnahmen her. Schon meine Erstbegegnung war so, dass ich fortan einen Maßstab hatte und habe: Eine meiner ersten Schallplatten war die Aufnahme dieses Konzertes mit Henryk Szeryng, Violine, und dem Orchestre de la Société du Conservatoire unter Jacques Thibaud.Das spannungsvoll Dynamische, das Dionysische im Nietzscheschen Sinne, ist mir noch sehr gut in Erinnerung von diesem Geigenspiel, während ich gestern auf beeindruckend harmonische Weise das apollinische Gegenstück dazu gehört zu haben glaubte.Außerdem habe ich bemerkt, dass es – trotz guter Akustik überall im Saal – für mich doch nicht unerheblich ist, wo ich jeweils sitze. Gestern saßen wir recht weit oben, was beim Strauss überhaupt nicht schlimm, sondern der Gesamtwirkung wegen sogar höchst angemessen war, was ich beim Beethoven aber, im Nachhinein geurteilt, lieber anders gehabt hätte. Die 8. bis 12. Reihe vorne im Parkett wäre für dieses Werk und zur gerechten Beurteilung seiner Darbietung wahrscheinlich günstiger gewesen. Wo könnte also der ideale Platz im Konzert bei wechselnden Programmen und Programmfolgen zu finden sein? Ich glaube jetzt fast, dass es für jedes einzelne Werk einen wechselnd günstigsten Platz im Saal gäbe, den man realistischerweise natürlich nicht im Wechsel vom einen zum anderen Musikwerk hin für sich selber abändern könnte. (Ähnlich, wie es vor einem jeden Gemälde den jeweils von Fall zu Fall zu findenden idealen Sehepunkt geben mag.)Bei den Einleitungsworten des Herrn Intendanten, Herrn Dr. Wendel, bin ich übrigens an e i n e r Stelle fast erstarrt. Oder habe ich das nur falsch gehört? Mir war so, als hätte Herr Dr. Wendel – vielleicht in lokalpatriotischem Übereifer? – den zweifellos in jeder Hinsicht bewundernswerten Geiger Frank Peter Zimmermann als den „weltbesten Geiger aller Zeiten“ angekündigt. Nun, Frank Peter Zimmermann, dieser auch von seinem ganzen Auftreten her liebenswerte Künstler, braucht mit seinem vielseitigen herausragenden Können ganz sicher keinen Vergleich zu scheuen, aber trotz Heifetz, Oistrach, Szeryng, Menuhin, Vengerov und anderen (von Geigerinnen wie Hilary Hahn etc. mal ganz zu schweigen) so überschwenglich non-plus-ultrahaft nur von ihm zu sprechen, schießt vielleicht doch etwas übers Ziel hinaus. Auch der Zusatz „aller Zeiten“ hat mich gestört; wer kennt schon „alle Zeiten“? Und wer will denn all den zukünftigen Geiger…n vorweg schon alle Hoffnung auf vielleicht auch für sie individuell und in unabdingbarer Werktreue erreichbare Höhen rauben?Dennoch: Ich habe mich auf Frank Peter Zimmermanns Auftritt in Duisburg sehr gefreut und sah mich überhaupt nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Das Zusammenspiel mit dem Orchester und seine Bogenführung waren phänomenal. Seine Zugabe war ein verblüffender, virtuoser Leckerbissen – durch die Themenwahl vielleicht eine Art freundschaftliche Verbeugung vor dem vorzüglichen Dirigenten Jonathan Darlington? – , unter dessen souveräner Stabführung dann besonders bei Strauss alle Orchestergruppen irgendwann einmal auch solistisch wieder so richtig erblühen konnten.Mit Nachdruck möchte ich übrigens auf Frank Peter Zimmermanns neueste CD-Einspielung der beiden Violinkonzerte Karol Szymanowskis und des Violinkonzertes von Benjamin Britten verweisen und auch nicht verschweigen, dass meine persönliche Referenzaufnahme sämtlicher Violinsonaten Wolfgang Amadeus Mozarts die von Frank Peter Zimmermann und Alexander Longuich ist, obwohl mir die Wahl vielleicht schwer fallen würde, hätten seinerzeit Clara Haskil und der Geiger Arthur Grumiaux ihre Aufnahmen ebenfalls zu einer Gesamtaufnahme vervollständigen können.Frank Peter Zimmermann sei DankIn der Regel höre ich mir musikalische Werke, die ich schon sehr gut kenne, auch wenn ich sie liebe, möglichst nicht zu häufig an. Bei den gängigsten verordne ich mir sogar jahrelange Auszeiten. Wenn ich sie dann wieder einmal höre, in überzeugender, ja vollendeter Wiedergabe, erstrahlen sie mir mit einem Male wieder ganz neu.Frank Peter Zimmermann sei Dank. An den beiden Folgetagen nach seinem Konzert habe mich wieder kräftig hin zu Beethovens Violinkonzert gezogen gefühlt und mich zur vertiefenden Ergänzung meines Duisburger Erlebnisses mit drei weiteren hervorragenden Aufnahmen etwas näher befasst. Die mir ohnehin recht vertraute Aufnahme Hilary Hahns (als viertmögliche) ließ ich dabei beiseite. Ich hörte mir aber ganz konzentriert an: die Aufnahme mit Gidon Kremer (+The Chamber Orchestra of Europe unter Nikolaus Harnoncourt), sowie die mit Itzhak Perlman (+ Berliner Philharmoniker unter Daniel Barenboim) und die mit Vadim Repin (+ Wiener Philhrmoniker unter Riccardo Muti), wobei die letztgenannte Werkinterpretation mich von den 3 CDs am allermeisten gefesselt hat.Für mich hat es sich also wieder bestätigt: Exzellente Aufführungen großer (bekannter oder auch weniger bekannter) Werke im Konzertsaal bringen mir die jeweilige Musik erst so richtig nahe und erwecken sogar Musikkonserven zu neuem Leben. Frank Peter Zimmermann und den Duisburger Philharmonikern – und nicht zuletzt auch Jonathan Darlington sei Dank für die abermalige Erweiterung meines musikalischen Horizontes.—————————————————————————————————————-Wir möchten uns sehr herzlich bei Günter Landsberger für die Erlaubnis der Veröffentlichung seines Beitrags bedanken!Über Günter Landsberger: Vom 01.08.1974 bis 01.08.2008 war er in Bottrop Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch und Philosophie. Starkes Interesse hat er neben Literatur und Philosophie auch an Musik, Geschichte und bildender Kunst. Geboren wurde er in der Mozartstadt Salzburg, treffender Weise in der Haydngasse. Im Alter von fast 10 Jahren zog er mit seiner Mutter zu seinem Vater nach Essen.

Von Christoph Müller-Girod

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