6. Philharmonisches Konzert | Romantik-Seligkeit

Foto: Christoph Mueller-Girod
Selbst wenn Respighi seiner sinfonischen Dichtung “Die Pinien von Rom” nicht einige Notizen vorangestellt hätte, die das Programm erläutern – selbst dann hätte man als Zuhörer keinerlei Probleme damit aus der Musik einen passenden Eindruck für sich zu gewinnen. Melodien waren auch im Werk von Magnus Lindbergs Konzert für Klarinette und Orchester zu hören – und Brahms zweite Sinfonie zitiert im ersten Satz als Nebenthema ein sehr bekanntes Wiegenlied. Also alles reine Seligkeit?
Dagegen sprechen die durchaus ernsten Untertöne, die sowohl bei Respighi als auch bei Brahms und Lindberg zu vernehmen sind. Alle drei Komponisten gehen allerdings unterschiedliche mit diesem Ernst um. In Respighis Tondichtung “Die Pinien von Rom” wechselt im zweiten Satz die Szene vom bis dato ausgelassenem Kinderspiel – wobei aus dem Orchester ab und an auch Töne zu vernehmen sind, die zuweilen an Autohupen erinnern, vielleicht gab es im Jahr 1924 schon Hupen für Kinderfahrräder, wer weiß – aus dem heiterem Kinderspiel wechselt die Stimmung jedenfalls urplötzlich in tiefen Ernst. Pinien, die über Katakomben wachsen, deren Wurzeln sich tief ins Erdreich eingegraben haben, vielleicht sogar durch Knochen gewachsen sind – dieser Wechsel von schäumender Fröhlichkeit zum tiefsten Ernst, die Hymne die De Profundis, aus der Tiefe, hervorklingt – dieser Ernst verleiht den “Pinien von Rom” einen der schönsten Sätze. Danach folgt eine Pastoral-Szene, weiches Mondlicht fällt auf Pinien rund um den laniculum. Einem Hügel, der nicht zu den ursprünglichen sieben zählt auf denen die Stadt Rom gegründet wurde. Der Einsatz des echten Nachtigallengesangs – den Respighi übrigens sehr genau notiert hat, er verlangt hier die Aufnahme Nr. 6105 der Firma Concert Record Gramophone „Il canto dell’usignolo“ – geht in die Morgenstimmung über. Der letzte Satz schließlich mit seinem gloriosem Finale beschwört das Bild eines Consuln, der im Triumphzug durch Rom zieht. Ein monumentaler Schlussgesang.
Von einer Melodienseligkeit mag man beim Konzert für Klarinette und Orchester von Magnus Lindberg nicht gerade reden – man kann aber spekulieren, ob das Thema, das im Konzert bearbeitet und von der Klarinette zu Beginn solo vorgetragen wird nicht doch ein wenig von der Titelmelodie “You only live twice” inspiriert worden ist. Es klingt jedenfalls sehr ähnlich. Überhaupt ist das Werk gemessen an Lindbergs früheren Orchesterstücken durchaus sehr melodiös und verlangt dem Klarinettisten eine Menge ab. Dabei fehlt eigentlich die klassische Aufteilung zwischen Solo und Tutti, nur an einigen wenigen Stellen ist die Klarinette mit kadenzartigen Tonreihen zu hören. Die ernsten Untertöne des Werkes drücken sich durch Tonreibungen und den Einsatz der Perkussion aus. Immer wieder fahren Pauken und Schlagwerk dazwischen, setzen Zäsuren ins durchkomponierte Werk. Lindbergs Orchestrierung hat aber auch sehr viel an Leichtigkeit und Eleganz – und wenn die Soloklarinette mit der Klarinette des Orchesters um die Wette echot, dann ist auch hier ein Hauch von Seligkeit zu spüren.
Nach der Titanenanstrengung der ersten Sinfonie scheint die zweite in D-Dur von Johannes Brahms tatsächlich voll von Melodienseligkeit zu sein. Im ersten Satz taucht als Seitenthema sogar ein Motiv auf, dass frappierend an “Guten Abend, gute Nacht” erinnert. Dabei taucht das Motiv zuerst in Moll auf, bevor es später in Dur wiederholt wird. Bläser und die Pauke unterminieren im ersten Satz ebenfalls den Eindruck von heiterer losgelöster Fröhlichkeit. Auch im zweiten Satz wird das Forte im Orchester bei den Moll-Stellen erreicht, dabei macht Brahms in diesem Satz von der Möglichkeit der Motivariation Gebrauch. So bei dem Thema, das zuerst in Dis-Moll in den Streichern aufscheint und das von Brahms subtil verändert und stets wiederholt wird. Der Zuhörer, dem sonst Details entgehen würden, wird so in den Satz einbezogen und verfolgt die Veränderungen des Motivs.
Ein leichterer dritter Satz folgt, bei dem die Celli pizzicato begleiten und die Oboe das Hauptthema vorträgt. Insgesamt erinnert der dritte Satz mehr an eine Tanzsuite, einige Stellen könnten direkt aus den Ungarischen Tänzen entnommen sein. Da Brahms hier in der Instrumentierung die Bläser sehr zurücknimmt und sich eher an vor-klassischen oder klassischen Sinfonien orientiert, wirkt dieser Satz auch vom Gesamtklang her nicht so schwer und füllig wie die ersten beiden.
Das Finale steht in der Tradition von Beethoven – es ist gewichtig, das Orchester klingt voll und resolut – und von der Anlage des erweiterten Sonatenhauptsatzes her verweist es auf das große Vorbild, aus dessem Schatten Brahms mit der zweiten Sinfonie endgültig hervortritt. Gut 15 Jahre hat er immerhin an der ersten gearbeitet, lange Zeit galten Beethovens Sinfonien ja auch als die Vollendung der Form an sich. Der letzte Satz bringt in seiner langsamen Einleitung schon Annäherungen an die Themen, die später verarbeitet werden. Nach einer kurzen Passage in C-Moll bringt das Horn eine C-Dur-Melodie, deren Echo sich in der Flöte wiederfindet. Geschickt nutzt Brahms im letzten Satz die Möglichkeit des Tempos – so verzögert er bewußt, um neuen Schwung für die Wiederholung des ersten Themas zu finden. Einzig und allein ein Blechbläserchoral unterbricht noch einmal den energischen Satz bevor er in das jubelnde Finale einleitet.








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