5. Philharmonisches Konzert | Meeresrauschen

Foto: Christoph Müller-Girod
Das unser Intendant Dr. Alfred Wendel sich wegen der Interpretation der Bach-Sonaten und -Partiten unsere “Artist in Residence”-Künstlerin Susanna Yoko Henkel in sie verliebte – das konnte das Publikum beim 5. Philharmonischen Konzert sehr gut verstehen. Spielte sie doch als Zugabe ein Stück von Bach, nachdem sie im Violinkonzert von Tschaikowsky schon nach dem ersten Satz Applaus erhielt.Zuvor aber rauschte und brauste zweifach das Meer durch unser Orchester. Benjamin Brittens Orchestervorspiele für seine Oper “Peter Grimes”, die Geschichte eines Außenseiters der am Ende Selbstmord begeht, nimmt die Hörer auf eine Meeresfahrt mit. Es ist als hätte Britten hier einen imaginären Film vor Augen gehabt – ohne weiteres könnte die Suite in einem modernen Hollywoodfilm bei Meeres- oder Seeszenen eingesetzt werden. Da ertönen Schiffshörner aus dem Blech während man sich allmählich dem Ort des Geschehens nähert – vom Kirchturm dringen Glocken herüber, frischer Wind weht in die Segel. Danach wird es ruhiger. Als wenn man im Hafen angelangt wäre und auf die glitzernde Oberfläche des Meeres im Mondlicht blicken würde – Wellen gehen durch die Streicher, etwas Nebel scheint aufzusteigen. Doch diese Idylle täuscht. Tief unten lauert der Abgrund, der im letzten Teil dramatisch beschworen wird – ein Sturm, Wellenberge, dunkler Himmel. Hinab in den Maelström geht es – und ebenso unvermittelt wie es begann hört das Unwetter auf. Nur das leere Boot von Peter Grimes schiebt sich vor das innere Auge. Eine herrliche, plastische und mitreißende Musik, die Britten hier für das Meer gefunden hat – vor allem die Wellenbewegungen in den Streichern erschaffen das Bild der See
Während Britten eher Bilder geschaffen hat, die mit ihren Stimmungen die jeweiligen Opernszenen vorbereiten, ist das Meer bei Debussy glitzernd, gleißend, spielen Sonnenreflexe auf den Wellen, scheinen Nixen unten ihren Reihn zu tanzen. Obwohl Debussy Schon der Beginn des ersten Satzes – wer denkt da nicht an eine glitzernde, ruhig daliegende Meeresoberfläche, langsam geht am Horizont die Sonne auf, ihre Strahlen erhellen das Wogen und verscheuchen den Nebel… Selbst wenn man die Satzüberschrift “De l’aube à midi sur la mer” – etwa “Morgengrauen bis Mittag auf dem Meer” – nicht kennt erschließt sich doch das Bild beim Zuhören von selbst. Das Spiel der Wellen im zweiten Satz drückt sich unter anderem durch den sehr typischen Einsatz der Harfen aus – deren Auf- und Abgleiten der Tonskala ist ein sehr zeitgenössisches Mittel für Wellen. Schließlich wird es noch etwas stürmisch – Wind und Wellen im Zwiegespräch erzählen sich gegenseitig etwas. Doch was – das bleibt das Geheimnis des Komponisten. Denn weder Menschen noch Tiere noch Schiffe sind in diesem Meerbild zu hören oder zu sehen. Also ist niemand der, der zuhören könnte. Fragt sich auch, ob man verstehen könne was Wind und Meer sich da erzählen. Einzig das unausslöschbare und unfassbare Meer in seiner Größe breitet sich vor dem Ohr aus. Manchmal werden diese drei Sätze gerne als “Symphonie” bezeichnet – Debussy selbst aber wählte den Begriff “sinfonische Skizzen”. Zu Recht: Das Meer lässt sich nicht in Formen pressen, es spielt frei und ungebunden mit dem Wind. Wie im letzten Satz.
Tschaikowsky: Brilliantes einziges Violinkonzert
Leopold Auer war es, der das einzige Violinkonzert von Tschaikowsky schlichtweg für unspielbar hielt. Zugegeben: Tschaikowsky selber konnte die Geige nicht spielen, hatte aber beim Komponieren dieses heiteren und beschwingenden Konzerts – gut zu hören am heutigen Abend unter anderem im dritten Satz, unsere Streicher betonten den Auftakt im schnellen Thema besonders – immerhin Hilfe von seinem einstigen Kompositionsschüler Josef Kotek. Auer wäre überrascht, wenn er wüßte dass sich dieses Werk großer Beliebtheit erfreut. Das liegt erstens an dem schwungvollem und melodiösem Hauptthema des ersten Satzes, dessen Eleganz Susanna Yoko Henkel in den Vordergrund stellte – ein Thema, dass mit der Geschwindigkeit des Satzes – Allegro moderato – perfekt übereinstimmt. Zu schnell gespielt würde es an seiner Brillianz zu verlieren, zu langsam gewänne es allenfalls eine leiernde Qualität. Das Tempo des Abends war genau richtig. Übrigens hat Tschaikowsky hier eine Art Prolog für das Konzert geschrieben, denn die Einleitungsmelodie der ersten Takte taucht so nicht mehr im Konzert selbst auf. Das hat das Werk mit dem b-moll-Klavierkonzert gemeinsam.
Tschaikowsky an seine Brieffreundin Nadeshda von Meck zum zweiten Satz des Konzertes: „Die Canzonetta ist geradezu herrlich. Wieviel Poesie und welche Sehnsucht in diesen Sons voilés, den geheimnisvollen Tönen!“ Eigentlich war für den zweiten Satz das Stück vorgesehen, was später zu Méditation für Klavier und Violine op. 42 wurde. Doch Tschaikowsky entschied sich dann für eine Neukomposition des 2. Satzes – der unvermittelt abbricht und Platz macht für den 3. Satz. Dieser scheint zuerst die Schwermut aus dem 2. abstreifen zu wollen, aber so ganz lässt sie sich nicht verleugnen hat doch die Solovioline ein wunderbares zweites, weiches und im wahrsten Sinne des Wortes romantisches Thema, das gegen die schnellen Streicher gesetzt wird. Obwohl der bekannte zeitgenössische Kritiker Eduard Hanslick nicht unbedingt – sagen wir – überzeugt von dem Werk war, reagierte Tschaikowsky gelassen. Zu Recht: Denn das Violinkonzert gehört mit zu den beliebtesten überhaupt. Unsere Artist in Residence hat diesem Werk zudem noch einen besonderen Glanz und Eleganz verliehen, den das Publikum am Ende nochmals begeistert honorierte.






12:43 Uhr
Meine und meiner Frau Vorfreude auf diesen Konzertabend am 03.02.2010 war wieder mehr als berechtigt. Allen Beteiligten herzlichen Dank!
(Ohne über Gebühr jemanden einzeln hervorheben zu wollen: Diesmal wurden meine Sinne auch hinsichtlich der variantenreichen Möglichkeiten effektiven Paukenspiels im Orchester geschärft. Gerne würde ich darüber noch mehr erfahren.)