5. Kammerkonzert | Ewigwährendes Licht
Am Ende verlöscht das Licht in Wolfgang Rihms “ET LUX” ganz zart und leise wie das behutsame Auspusten einer Kerzenflamme. Ginge es nach den Worten die Rihm für diese Komposition aus dem liturgischem Requiem-Text zusammenstellte müsste die Musik eigentlich immerwährend sein: “Et lux perpetua” als Nucleus aus dem alles entspringt und in den alles zurückfließt. Das Arditti-Quartett und das Hilliard-Ensemble in einem Abend überirdischer Klangkunst.
Dies wäre durchaus vereinbar mit dem christlichem Glauben: Gott, das allgegenwärtige Licht, der Ursprung aller Dinge ruft die Schöpfung am Ende der Tage wieder zurück, hebt sie auf. Dies ist ein tröstlicher Gedanke, der in Rihms leiser und zarter Musik zu Beginn und am Ende durchscheint. Aber keiner, der eigentlich im Requiem-Text selbst zu finden wäre: Angst und Zagen, Zittern und Klagen – die Schrecken des letzten Gerichts, das Gott über den Sünder abhält und die Aufrechnung der guten gegen die bösen Taten dagegen schon. Gottes Gnade möge dann doch am Ende den Sünder aus dem Rachen des Löwen reißen und ihn nicht in den Flammen der Hölle lassen. Die Sicherheit des Gläubigen kann bei diesem Inferno ins Wanken geraten.
Ein Wanken, dass Rihms “ET LUX” ebenfalls eigen ist. Rihm naht sich dem Text des Requiems durch die Macht der Erinnerung, die einzelne Fragmente des Textes aus dem Bewußtsein hebt und sich an einigen länger aufhält als an anderen. Eng an den Text schmiegt sich die Musik – wobei sich in dieser Anklänge an den Stil der Renaissance-Meister finden lassen. Etwa wenn die einzelnen Worte zu einem Stimmgeflecht gewoben werden so wie das auch in Giovanni Pierluigi da Palestrina „Libera me Domine“ geschieht. Während bei Palestrina aber das Stück hörbar in drei Teile zerfällt, jeweils abgesetzt durch ein Stimmenunisono rekurrierend auf den gregorianischen Choral, ist dies bei Rihm nicht der Fall.
Rihms Werk ist ein kontinuierliches musikalisches Fließen – es gerät selten ins Stocken und gegen Ende erst wird teilweise auch ein Sprechgesang von den Künstlern verlangt. Steigerungen gibt es bei “Libera me”, das zuerst leise flehentlich wirkt und dann regelrecht ausbricht – nicht aus der Tonsprache, sondern aus dem Klang. Ebenso bei “Dies illa”. Die wenigen kraftvollen Stellen lassen das Werk eindringlich und intensiv wirken. Dabei scheint es, als ob die Beschäftigung mit den letzten Dingen eher Nachdenklichkeit als Wut bei Rihm hervorruft.
Wut und Verzweiflung empfindet dagegen Hiob: Ein Gerechter Gottes, der unerwartet geprüft wird und der – was den Großteil des Buches im Alten Testament ausmacht – mit Gott und gegen Gott persönlich ins Gericht zieht. Verse aus dem 10. Kapitel sind die Grundlage für die Musik von Tomás Luis de Victorias „Taedet animam meam”. Im Gegensatz zu Palestrina werden die Stimmen hier eher gleichberechtigt behandelt – die Textverständlichkeit steht eher im Vordergrund. Was das Werk mit Rihm verbindet ist die Behutsamkeit, mit der Victorias sich dem Sujet nähert – musikalisch nachdenklich, obwohl der Text ganz dagegen spricht.
Später wird man bei den verschiedenen Vertonungen des Requiem-Textes lautmalerischer sein und vor allem das “Dies illa” Verdis wird donnerhallend Eindruck machen. Doch darf daran erinnert werden: Gott, der das ewigwährende Licht ist, erscheint dem Propheten Elias weder im Feuer, noch im Donner. Sondern im leicht säuselnden Wind. Da ist Anfang und Ende von “ET LUX” wieder ganz im christlichen Kontext.









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