14. Januar, 2010

4. Philharmonisches Konzert | Das Henze-Projekt: Neue Musik für eine Metropole

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Bis kurz vor dem ersten Gong waren einige unserer Musiker diesmal auf der Bühne um noch an den Passagen des 4. Philharmonischen Konzerts zu feilen. Die Suite aus der Oper “Die Bassariden” ist schließlich ein Werk in dem zarte, ruhige Passagen auf grelle und laute treffen – sowohl vom Orchester als auch vom Dirigenten werden äußerste Konzentration abverlangt. Und wenn Duisburg die Ehre hat das “Henze-Projekt” für die Kulturhauptstadt RUHR.2010 zu eröffnen – dann ist die Leistung am heutigen Abend doppelt zu bewundern.Doch zuerst an diesem Abend: Felix Mendelssohn Bartholdy. Vier Sätze von denen vor allem das Finale in Erinnerung bleibt – aber was wäre das Finale ohne den zarten, wunderschönen Beginn der Sinfonie deren Glanz damals das 300. Jubiläum der Augsburger Erklärung beleuchtete. Das war im Jahr 1830 und Mendelssohn Bartholdys Sinfonie ist das Ergebnis eines damals ausgeschriebenem Wettbewerbs, mit dem man das Datum gebührend gewürdigt werden sollte. Im ersten Satz wird dieser langsame und getragende Satz dann zum Höhepunkt geführt – und dort erklingt dann das Zitat des “Dresdner Amen”. Später wird Wagner daraus das Gralsmotiv im “Parsifal” formen. Dramatik pur. Der Gegensatz dann: Der zweite Satz. Idylle. Hier scheinen die Konflikte gelöst zu sein. Kann man den 3. Satz als Einleitung für den letzten Satz deuten? Melancholisch scheint hier nochmal an die Vergangenheit gedacht zu werden. Und dann folgt die Überraschung: “Ein feste Burg ist unser Gott”, wohl mit der prostestantischste Choral schlechthin, wird von Mendelssohn nicht mit Bläsern oder vollem Orchester begonnen. Was ja denkbar wäre dem Text nach, eine kräftige Instrumentation wäre hier denkbar. Nein, die Flöten beginnen wie aus einer anderen Welt und erst nach und nach wird der Choral dann kräftiger, das Hauptmotiv taucht immer wieder in Abwandlungen auf und schließlich endet die Sinfonie in einem herrlichen Finale.

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Den Kontrast dazu setzte Henzes Suite aus den “Bassariden”. Dabei ist Henzes Musik eigentlich im Grunde harmonisch – natürlich gibt es Töne, die hart am Rande der Tonalität verankert sind. Seine Musik ist zumindest bei dieser Suite jedoch eher bei Strawinsky als bei Schönberg. Henze setzt dabei ein großes Orchester ein, unsere Percussionisten hatten alle Hände voll zu tun bei den gigantischen Klangflächen, die Henze hier entstehen lässt. Doch ebenso gibt es feine, flirrende Streicherpassagen, die unwirklich an eine andere Welt erinnern. In der Suite verwendet Henze überwiegend Material aus dem dritten Akt der Oper – hier spitzt sich der Konflikt zwischen Verstand und Rausch zu. Henzes großes Orchester scheint dabei das wiederzuspiegeln was der Rausch tut: Er sprengt nämlich alle Grenzen. Ein wunderbares Werk – und wer dies gehört hat wird verstehen, warum Henze lange Zeit als Traditionalist der Moderne galt.

Joseph Joachim – ohne diesen Meister auf der Violine wäre sicherlich manches Werk der Romantik nie im Orchestersaal erklungen. So auch das Violinkonzert op. 77 von Brahms, in dem der Komponist mit den Konventionen des traditionellen Solokonzertes bricht. Das rein begleitende Orchester gibt es in diesem Werk nicht. Es ist eher ein Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester, beide Parts sind gleich wichtig – wobei die Solo-Stimme enorme Anforderungen an den Violinisten stellt. Vielleicht ist der Ruf der Unspielbarkeit dafür verantwortlich gewesen, dass Brahms nach diesem Werk kein weiteres Solokonzert für Violine und Orchester komponierte. Trotz Joseph Joachims. Da hier die Parts aufgehoben sind, ist die Oboenmelodie im zweiten Satz nur konsequent – lange bevor die Solo-Violine einsetzt schwebt hier eine wunderbare Melodie durch das Orchester. Der “ungarische” Brahms ist erst im dritten Satz seines Violinkonzertes op.77 zu hören – zumindest das Thema klingt an eine ferne Erinnerung der “Ungarischen Tänze”.

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Eines muss noch erwähnt werden: Es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten beim Abgang das Dirigentenpult zu umgehen. Meistens geht der Solist oder die Solistin ja entweder hinten oder vorne dran vorbei. Beim ersten Abgang allerdings schritt Isabelle Faust grazil direkt von der Seite über das Pult. Auch eine Art sich zu verabschieden. :-)

Von Christian Spließ

Kommentare

  1. Günter Landsberger 14. Januar 2010
    15:39 Uhr

    Sollte man sich als Hörer auf ein Konzert und die in ihm gespielten Werke ein wenig vorbereiten?
    Wenn man das w i l l , denn schaden kann’s ja meistens nicht, eher helfen: natürlich ja.
    (Und dankenswerterweise stehen ja auch, immer höchst zuverlässig, die ausführlichen Programme der Duisburger Philharmoniker zeitgerecht vor den jeweiligen Aufführungen im Netz: Eine nicht hoch genug zu schätzende Freundlichkeit!)
    Ich hab aber gestern nicht gewollt. Ich wollte (wenn auch mit unleugbarer Vorfreude) möglichst unvoreingenommen mir alles am Abend selbst der Reihe nach anhören; mit all dem, was ich vielleicht schon weiß oder nur zu wissen glaube; wollte mit möglichst wachen Sinnen mich ganz auf dieses Konzert einlassen. Auch mir zur Verfügung stehende CDs, Aufnahmen der programmatisch ausgewählten, mir entweder sehr bekannten (Brahms+Mendelssohn) bzw. nicht ganz unbekannten Werke (Henze), habe ich mir vorher ganz bewusst nicht mehr eigens angehört.
    Und so trat ich ein in den Klangraum der – zu Unrecht – deutlich seltener als die 3. oder 4. aufgeführten 5. Mendelssohn-Symphonie, bangte anfangs kurz wegen flüchtig drohender Intonationsschwierigkeiten bei den ersten Bläsertönen, begegnete dann aber einer mustergültigen Gesamtinterpretation, bei der ich den Eindruck hatte, dass dieses Werk gleichsam direkt aus dem Geist des Komponisten heraus gespielt worden sei, als wäre es gestern hier erstaufgeführt und gleich beim ersten Mal zur gültigen Aufführung gebracht worden. (Teile des ersten Satzes hörte ich übrigens auf einmal als Vorwegnahme des „Engelskonzertes“ der Hindemith-Symphonie „Mathis der Maler“. – Das wäre ja toll: Hindemith musste in der Nazizeit seine Oper „Mathis der Maler“ absetzen, schrieb daraufhin die gleichnamige Symphonie und würde so mit dem Zitat Mendelssohns in seiner Symphonie ein bewusstes Zeichen gegen die Nazis noch zusätzlich setzen.) Wie Herr Spließ habe auch ich bemerkt, dass die „Marseillaise der Reformation“, wie das Luthersche Reformationslied manchmal genannt wird, nicht pompös mit vollem Orchester, nicht mit Pauken und Trompeten dahergekommen ist, sondern dass es zart und doch bestimmt, höchstehrwürdig, mit Flötentönen eingesetzt hat. Da fand ich mich doch wieder, auch als Protestant.
    Bei H. W. Henze, dessen 7. Symphonie mich erst vor Jahren, aber dann maßgeblich, von der hohen Qualität seines kompositorischen Schaffens überzeugt hat, konnte ich mich weiter als Hörer erproben, inwieweit nämlich ich mich gegenwärtig schon wirklich als einen Z e i t genossen der großen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts betrachten kann und darf. Als ich 22 war und „Die Bassariden“ als Oper uraufgeführt wurden, war ich nämlich keineswegs so weit, auch wenn mir die Klassiker der Moderne aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts damals durchaus schon etwas bedeutet haben. Immerhin: Dass es Henze als Komponisten gab und dass Werke von ihm aufgeführt wurden, habe ich schon damals verfolgt, auch wenn mir erst mit der Schallplattenaufnahme seiner „Tristan“-Komposition endlich eines seiner Werke akustisch bewusst und interessant geworden ist.
    Wie lange braucht es doch, bis man in seiner eigenen Gegenwart ankommt? Musikalisch hängt man meistens etwas hinterher. Aber ich habe nie lockergelassen. Die Abstände bis hin zur Gleichzeitigkeit zu den Gegenwartskompositionen wurden für mich beständig geringer. Die Geduld hat sich gelohnt und lohnt sich weiter, auch wenn wohl stets ein Rest an Fremdheit bleibt. Aber genau dies ist auch wichtig: Selbst die „alten“ Werke, die wir zu kennen glauben, verdienen diesen fremden Blick. Und den Aufführungen auch der alten Werke kam und kommt dies durch die Ab-und-an-Interpreten neuerer Musik zugute: Davon leg(t)en nicht nur die Aufnahmen von Michael Gielen, Pollini, Aimard, dem Alban-Berg- und dem Lasalle-Quartett Zeugnis ab. Routine ist der Tod der Kunst.
    Auf das Violinkonzert von Brahms als dem letzten Programmpunkt war ich auch gespannt. Über eine Schallplatte hatte seinerzeit Henryk Szeryng (unter dem Dirigat von Jacques Thibaut) mir das Violinkonzert Beethovens nahegebracht; und auch beim Violinkonzert von Brahms war das kurz danach der Fall; wieder Szeryng, diesmal unter dem Dirigat von Pierre Monteux. Wie würde das Isabelle Faust spielen? Würde sie die früheren großen Aufnahmen von Heifetz, Oistrach, Ida Haendel und die heutige Konkurrenz von sagen wir Frank Peter Zimmermann und Hilary Hahn vergessen machen? Oder doch zumindest mithalten können? – Ein sehr positives Vorurteil hatte ich ohnehin in diesen Konzertabend mithineingebracht. Ich habe mir nämlich vor Monaten die mich restlos begeisternden neuen CD-Aufnahmen der Violinsonaten Ludwig van Beethovens mit Isabelle Faust angehört. Ich war hin und weg. Und ich dachte doch zuvor, über ein ganzes Jahrzehnt hin, ich hätte in dem Paar Zukerman/Neikrug meine absoluten Favoriten für die Beethovenschen Violinsonaten bereits gefunden. Nun habe ich plötzlich eine durchaus ebenbürtige, wenn auch völlig andere Aufnahme.
    Nach gutem, vielleicht noch etwas verhaltenem Beginn hat Isabelle Faust gestern sehr gut hineingefunden ins Brahmssche Violinkonzert, bis es schließlich ganz zu dem Ihren wurde. – Nur eine Bemerkung noch. Den Dialog zwischen Violine und Pauke z. B. habe ich im Kadenzbereich des ersten Satzes so noch nicht gehört. Ob das eine freie Ausweitung der Kadenz gewesen ist, die deswegen sonst in dieser Form nicht vorkommt? Oder tritt dies sonst nie so deutlich zutage? Habe ich es bisher nur stets überhört? Es war ja auch das erste Mal, dass ich diese drei Werke live und nicht mehr bloß allein von Rundfunk, Schallplatten oder CDs her kennengelernt habe.
    Auf alle Fälle hat mich das ganze Konzert in allen seinen Teilen begeistert: Mendelssohn hat mich geradezu entzückt, Henze – von zart bis hart und klangräumig – gewaltig beeindruckt und Brahms – ganz schlicht! – sehr erfreut.

  2. Friedmann Dreßler 15. Januar 2010
    02:39 Uhr

    Die Kadenz im Brahmskonzert stammt von Busoni und wird sehr selten gespielt, daher auch kaum bekannt. Für uns eine willkommene Abwechslung!

  3. Günter Landsberger 15. Januar 2010
    13:19 Uhr

    Vielen Dank für den Hinweis.
    Daraufhin habe ich gleich ein bisschen im Band “Busoni / Briefe an seine Frau”, Hrsg. von Friedrich Schnapp, Erlenbach-Zürich/Leipzig 1935 herumgestöbert und dabei u. a. Folgendes gefunden:
    Auf S.141 einen von Busonis “Aphorismen über Clavierspiel”:
    Die eingeschaltete Cadenz klinge wie eine Parenthese – nach der man denselben Ton, den man verlassen hat, wieder aufnimmt …”
    (Wien, am 21.10.1907)
    Und im Register auf Seite 392 heißt es über Brahms:
    “Er trat sehr für den Komponisten Busoni ein und äußerte:
    “Was Schumann für mich getan hat, will ich für Busoni tun.”"

9. Philharmonisches Konzert

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