26. April, 2010

4. Kammerkonzert: Beethoven und seine Erben


Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Neoklassik ist die Renaissance der Klassik. Wenn das zumindest auch nicht die ganze Wahrheit ist, ist dieser Satz ein hilfreiches Label. Beim 4. Kammerkonzert waren die Verhältnisse allerdings etwas umgekehrt: Zuerst kamen die “Erben” bevor die eigentliche Klassik zu hören war. Strawinskys “Suite Italienne” greift jedoch durchaus weiter zurück. Die Grundlage des Werkes bilden – jedenfalls war man lange dieser Meinung – Werke von Pergolesi, einem italienischem Barockkomponisten. Dass die Forschung allerdings so manches Werk dann doch eher einem Zeitgenossen zuordnen muss trübt nicht den Höreindruck. Ebensowenig wie die Tatsache, dass dieses Werk eine Bearbeitung darstellt. Vorlage war das Ballett “Pulcinella”. Also hätte man hier eigentlich eine doppelte Bearbeitung: Einerseits hat Strawinsky barockes Notenmaterial überarbeitet und dann aus dem Gesamtwerk des Balletts nochmal eine Suite zusammengestellt. Dabei hält sich Strawinsky teilweise sehr eng an das barocke Fundament – so beim sehr dynamisch-aufwärtsstrebende Auftakt – dann andererseits gibts kleine “Anmerkungen” des Komponisten beim Material, hier ein Glissando, dort Harmonien, die nicht so ganz passen – und dann wiederum drängt Strawinskys modernere Tonsprache unmittelbar hervor. Ein sehr heiteres Werk, das den Geist von Pulcinella und der Comedia dell’Arte in den Konzertsaal trägt.

“Klassischer und heller im Ton” sei die zweite Sonate für Violine und Klavier sagte Sergej Prokofjew – was man bestätigen kann wenn man die erste Sonate kennt. Doch die Umarbeitung der ursprünglich für Flöte angelegte Sonate wirkt im Licht Strawinskys doch eher dunkel. Es ist ein drängendes Stück Musik, dass hier zu hören ist – im ersten Satz scheinen die zwei Hauptthemen eher aufeinanderzuprallen als dass sie im klassischen Sinne verarbeitet werden. Nur selten gibt es – abgesehen vom Andante – Ruhe in diesem Werk. Sicherlich: Die Melodien und die Harmonien überschreiten nie die Grenze zur Tonalität. Doch das Stürmen und Drängen verbindet das Werk durchaus im Geist mit Beethoven.

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Die “Kreutzersonate” – Tolstoi und Dürrenmatt haben sie literarisch verewigt, wohl unter anderem. Hört man sie nochmal im Vergleich zu den beiden anderen, neueren Werken stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob der damalige Zuhörer Beethovens nicht ebenfalls schon verglichen hat und so seine Zweifel gehabt haben dürfte – zumindest was das klassische an diesem Werk betrifft. Zwar hält sich Beethoven an die Konventionen des Sonatenhauptsatzes, aber ab und an gibt es doch überraschende Momente. So gleich zu Beginn, wenn jedes Instrument sich selbst dem Hörer vorstellt bevor dann gemeinsam musiziert wird. Dabei setzen sich die Themen des ersten Satzes aus Frage-und-Antwort-Passagen zusammen. Ganz so als lauschte man einem Dialog bei dem zwei gebildetete Leute sich unterhielten. Höflich dazu.  Was aber soll man von diesem leisen Innehalten denken nach dem, was man als Schlussgruppe hört? Kurz bevor der erste Teil wiederholt wird?

Der zweite Satz mit seinen Variationen greift die Frage-Antwort-Thematik erneut auf. Nicht mit dem Themenmaterial des ersten, Beethoven erfindet hier eine sehr einfache und bezückende Melodie für die Variationen, aber hier treten im weiteren Verlauf einmal die Violine, dann wiederum das Klavier in den Vordergrund – schweben die hohen Geigentöne auf dem Klavierfundament bevor eilige Triolen aus dem Klavier hervorperlen. Hier die Balance zu halten zwischen Dialog und Monolog ist durchaus nicht leicht.

Im dritten Satz dann wird das rasante Thema in beiden Instrumenten hörbar und hier scheinen sich die Dialogpartner endlich gefunden zu haben. Frage und Antwort weichen einem Austausch von Argumenten, man hört wie beide Instrumente sich einig sind – und demzufolge beschließt dieser dritte Satz ein hörbares Ausrufezeichen, ein “So ist es!” Stimmt.


Von Christian Spließ

Kommentare

  1. Lieber Christian Spliess, lieber Christoph Müller-Girod,
    Danke für Euren tollen Artikel zum Kammerkonzert am Sonntag.
    Vieleicht könnt Ihr noch ergänzen, das unsere Artist in Residence Susanna Yoko Henkel und Itamar Golan es waren, die das Programm mit so umwerfender Schönheit und mit viel Geistreichtum gestaltet haben!

    Danke!

  2. Christian Spließ 27. April 2010
    21:22 Uhr

    Hallo Herr Wendel,
    wird natürlich ergänzt – es scheint beim Editieren der Fassungen verlorengegangen zu sein.

  3. Günter Landsberger 27. April 2010
    23:23 Uhr

    Auch die Kammerkonzerte hier haben inzwischen eine enorme Qualität. Endlich werden auch sie angemessen gewürdigt. Das hätte spätestens auch bei dem vorhergehenden Abokonzert mit Frau Doufexis und den beiden Instrumentalsolisten der Fall sein müssen.

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