30. November, 2009

3. Profile Konzert | Im Rausch der Klänge

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Da kann der alte Ratsdiener noch so oft krächzend sein Unbill äußern und von Spuk raunen – der Erzähler bleibt seinem Entschluss treu: Heute, am 01. September, wird er sich im Ratskeller Wein genehmigen. Das vorbereitete Weingelage sieht nach einem rechten Genuss aus – doch das was der Erzähler dann in Hauffs Erzählung im Bremer Ratskeller erleben wird, das übersteigert selbst die kühnsten Rauscherfahrungen…

Zwar hat Hauff selbst in seiner Erzählung etliche Liedtexte und Lieder eingeflochten, doch tonangebend war in diesem 3. Profile Konzert Felix Mendelssohn Bartholdy. Dessen Musik zu Shakespeares “Sommernachtstraum” mit Hauffs ironisch-phantastischer Erzählung zu paaren ist ungewöhnlich. Doch es gibt Anknüpfungspunkte: Zum Einen ist Hauffs Erzählung mit einem Shakespeare-Zitat überschrieben worden. Dieses stammt aus Othello, genauer Othello, Akt II, Szene 3.  Jago, der “ Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder Mensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen” gegenüber Cassio äußert, gebraucht den Satz allerdings in einem sehr ironischem Ton. Schließlich hat er ja zuvor Cassio betrunken gemacht um ihn zu einem Opfer seiner Intrigen zu machen. Doch Hauff hat das Zitat offenbar nur wegen seines guten Klangs gewählt – und um die Moral des Textes zu unterstützen. Hochdramatisch ist ein Text zwar auch und schauerlich und effektvoll doch Shakespeares Tragödie um den Mohr von Venedig streift sie nicht.

IMG_8262

Die zweite Verbindung, die zum einen Mendelssohns Musik und Hauffs Text vereint ist die des Rausches. Dass “der Schlaf der Vernunft Ungeheuer weckt” war den Romantikern nur gerade Recht. Der Rausch setzt den Verstand außer Gefecht und lässt abenteuerliche Bilder entstehen – und einen ab und an Dinge tun, die man vielleicht besser so nicht getan hätte. Im “Sommernachtstraum” ist es kein Wein, der die Liebe herbeizaubert, sondern der Trank aus den Händen von Oberon – und das etwas danebengeratene Verteilen desselben Trankes von Puck, dem Waldgeist, der so einiges mißversteht. Im Rausch weiß man Dinge und weiß sie doch andererseits nicht. Die Welt der Menschen und der Geister, das wirre Treiben, dass am Ende der Komödie gut ausgeht – das hat Mendelssohn Bartholdy schon in seiner Ouvertüre wahrhaft meisterlich eingefangen.

Farbe und Aroma: Vorzüglich!

Doch Hauffs Protagonist bleibt verhältnismäßig nüchtern bei seiner seltsamen mitternächtlichen Weinprobe. Normalerweise würde man ja erwarten, dass hier ein Wein gegen den anderen verglichen wird, aber dazu kommt es gar nicht erst. (Schließlich wird ja ein Lob des Rheinweins gesungen.) Vergleichen konnte man beim Profile-Konzert aber sehr wohl – denn Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik, die sonst in einem großen Römer – pardon – mit vollem Orchester dargeboten wird, war in der Bearbeitung von Friedmann Dreßler für Klavier, Violinen und Cello zu hören. Natürlich, den “Hochzeitsmarsch” kennt man in allen möglichen Bearbeitungen, denn irgendwie ist es ja doch der Höhepunkt des Ganzen. Friedmann Dreßler ist wie ein wahrer Kenner vorgegangen und hat die Nuancen, das Aroma und die Farbe der Musik bewahrt, so dass sie im kleineren Weinglas ebenfalls zur Geltung kommen, ja, so dass man auf einige Dinge aufmerksamer wird. So fügte sich die Musik harmonisch in den Text ein, der meisterlich von Bernd Kuschmann vorgetragen wurde.

IMG_8285

Übrigens: Ein Happy-End ist Hauffs Ich-Erzähler der “Phantasien im Bremer Ratskeller” nicht vergönnt. Denn eigentlich hat der Erzähler sich sozusagen aus verschmähter Liebe in den Keller geflüchtet – als die aber am anderen Morgen erfährt, dass er die ganze Nacht getrunken habe will sie erst recht nichts mehr von ihm wissen. Und so lauten die letzten Zeilen der Erzählung: “Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr noch denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam, grüßte ich den alten Recken recht freundlich und zum Entsetzen meines Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgruß. Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu, drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasien dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.”


Von Christian Spließ

Kommentare

powered byRheinschafe

Sponsoren