3. Philharmonisches Konzert | Französische Klangvielfalt
Foto: Christoph Müller-Girod
Und Schluss. So unvermittelt wie es begonnen hat endet das Konzert für Orgel, Streichorchester
und Pauken g-Moll von Francis Poulenc. Kein langes Aushalten von Akkorden. Kein langsames Ausklingen. Ein kurzer Akkord der Geigen als wäre jetzt endlich der Punkt eines langen, langen Satzes a la Kleist erreicht.Dass die Orgel als erstes in der Reihenfolge genannt wird und dann das Orchester und zum Schluss die Pauken, das hat schon seinen Sinn. Denn obwohl zu Beginn des ersten Satzes die Pauken ihren Auftritt haben treten sie in den Hintergrund und überlassen den beiden Hauptpersonen das Feld: Der Orgel und dem reinen Streichorchester. Poulencs Konzert ist aber nicht nur wegen der Pauken ungewöhnlich. Normalerweise ist man von einem Konzert ja drei Sätze gewöhnt – ab und an vielleicht gibts noch mal vier Sätze in einem Klavierkonzert, aber in der Regel sind wir ja an wenige Sätze gewöhnt. Poulenc aber schreibt sein Konzert in sechs Sätzen auf und diese reihen sich in scheinbar losem Reigen aneinander. Aber Poulenc, dessen Orgelkonzert durchaus irrtierende Passagen aufweist, die ganz und gar nicht mit dem nötigen Ernst eines solchen Konzertes übereinzustimmen scheinen, greift im letzten Satz auf den ersten zurück. So findet sich doch noch ein Kreis, wenn auch zwischen Beginn und Anfang eine Vielfalt von Themen liegt – majestätisch und pompös, zart und elegant und es schimmert dann doch immer wieder ein Ernst durch, der zum sonst so scheinbar ironischen und spielerischen Komponisten nicht ganz zu passen scheint. Andererseits: Wer die anderen Kirchenwerke Poulencs – “Stabat Mater” oder “Gloria” – kennt, der weiß, dass Poulencs Ernsthaftigkeit unter den Themenschichten der Grund ist. Auf diesem baut das Konzert auf und der unerwartete Schluss mag vielleicht noch ein Aufblinken des Humors von Poulenc sein.

Foto: Christoph Müller-Girod
Es mag etwas verwirrend sein und mancher, der sich vorher über den Text der Vertonung des Psalms von Joseph-Guy Ropartz kundig machen wollte, wird im Konzert vielleicht etwas verwundert dreingeschaut haben. Denn Psalm 136 in der Lutherbibel ist nicht der Psalm, der im Konzert erklang. In der deutschen Übersetzung ist das Psalm 137 – dessen Anfangsworte wohl die bekanntesten eines Psalms aus der Bibel sein dürften. Es gab ja sogar einmal eine Band namens Boney M., die damit einen Hitparadenhit landete: “An den Wasserflüssen Babylons saßen wir und weinten…”
Dramatik und Passion in romantischer Tradition – das ist das Werk des bei uns unbekannten Komponisten Roparts. Die langsame Einleitung malt die Klage des Volkes Israels, das Zerschmettern und Niedermalmen kommt im Orchester mit imposanten Klängen zum Tragen. Eindrucksvoll die letzten Takte des Chores, dessen “Hèlas” niederstreckend ist.

Foto: Christoph Müller-Girod
Sinfonische Klangrafinessen: Camille Saint-Saëns
Während die Orgel zuerst Solistin, dann eher Begleitung war tritt sie im letzten Werk des Konzertabends noch mehr in den Hintergrund. Zwar hat Camille Saint-Saëns seine Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 78 „Orgelsinfonie“ getauft – aber im ersten Satz ist diese überhaupt nicht zu hören, erst in der Überleitung zum zweiten allmählich und langsam und selbst hier ist die Betonung eher auf das Wort “Sinfonie” als auf das Wort “Orgel” zu legen. Saint-Saëns nutzt in seiner Sinfonie bewußt Klangfarben als Effekte – so etwa ist das vierhändig gespielte Klavier nur zum Schluss des Konzertes mit einigen Einwürfen prominent zu hören.
Zugegeben: Es sind auf dem Papier zwei Sätze, aber durch die Unterteilung der Tempi hört man als Zuhörer dann doch wieder die klassischere Gestalt der vier heraus. Anders als Poulenc jedoch, der zwischen seinem großen Bogen doch eher der Reihung den Vorzug gibt, ist das Material in der “Orgelsinfonie” strikter gearbeitet, haben die Themen doch eine nähere Verwandschaft und weisen immer wieder auf das “Dies Irae”-Zitat hin, das durch die Sinfonie geistert. Aber hier geht es zum Finale nicht hinab in das Reich des Todes, in den Tag des Gerichts sondern in die glänzende und schillernde Welt des Lichts. Und das in einer atemberaubenden Geschwindigkeit, ein wahrerer Rausch an Klang, an Fülle. Ein herausragendes Finale für einen Abend…

Foto: Christoph Müller-girod
Allerdings: Da gab es doch noch eine kleine Steigerung. Unser Dirigent Jonathan Darlington nämlich ließ den bedeutenden Organisten Wayne Marshall nicht ohne eine Zugabe von der Bühne. Anscheinend wußte er schon vorher, dass das etwas länger dauern würde, denn mit übergeschlagenen Beinen saß er während der fulminanten Akkordklänge lächelnd auf dem Dirigentenpult. Wenn das nicht noch das Tüpfelchen auf dem I war, dann wohl die Standing Ovations des Publikums für den Chor, unser Orchester und natürlich für Wayne Marshall.






10:42 Uhr
Für die Programmzusammenstellung ist wieder einmal sehr zu danken. Für die hervorragende Aufführung natürlich erst recht.
Der erste Teil des Konzertes war für mich völlig und dankenswerterweise ganz wunderbar neu. Auch die Art der Darbietung der Saint-Saëns -Symphonie im zweiten Teil ließ nichts zu wünschen übrig, ja, hätte kaum besser sein können; allerdings, so sehr ich große Passagen dieser Symphonie auch mag, einige wenige andere zwischendurch sind mir nicht ganz geheuer: für mein Gefühl kommen sie (von der Komposition her, und nur von ihr her!) etwas zu sehr in die Nähe (!) von Pomp und beinahe auch Weihekitsch. Aber das mögen andere Hörer… ganz anders sehen bzw. ganz ganz anders gehört haben. Auf alle Fälle ist die ganz wundervolle Orgel eine große Bereicherung für die philharmonischen Konzerte und für die Möglichkeiten orchestraler Repertoireausweitung. So hoffe ich schon jetzt auf den Tag, an dem vielleicht einmal hier in Duisburg, genau hier in der Duisburger Philharmonie! , die “Glagolitische Messe” von Leoš Janáček mit dem grandios aufwühlenden Orgelsolo zur Aufführung gebracht werden wird. Vielleicht sogar zusammen mit der “Sinfonietta” desselben Komponisten?
Oder von mir aus – programmatisch etwas weniger verwegen? – zusammen mit der (kleinen oder großen) “Orgelsolomesse” von Joseph-Haydn oder einer der schönen Kirchenkonzerte für Orgel und Orchester von W. A. Mozart.
10:45 Uhr
“einem (!) der schönen Kirchenkonzerte” sollte es natürlich heißen …
Pardon.