12. Philharmonische Konzert | Das Meer und der Mensch

Foto: Christoph Müller-Girod
Zum letzten Mal in dieser Saison rauscht und wirbelt das Meer an den Ohren des Publikums vorbei – der Mensch auf großer Fahrt inmitten der Stürme des Lebens. Ein Bild, das zu Prokofjews Musik durchaus passt, während Mozart in der g-moll Sinfonie an diesem Abend vielleicht eher den Abgrund im Menschen selber sieht. Mit Jean Sibelius’ “Die Okeaniden” verabschieden sich die Duisburg Philharmoniker in dieser Saison vom Thema Hafen und Meer. Es hat in dieser Saison seine Untiefen gezeigt mit Benjamin Britten, hat als Projektionsfläche und Metapher für die Reise des Menschen ins Leben gedient bei Vaughan-Williams, hat uns am Morgen, Nachmittag und Abend bei Debussy begleitet. Eine gewisse Nähe zu “La Mer” ist den “Okeaniden” durchaus zu eigen – manches erinnert ein wenig an den Impressionismus in der Instrumentierung. Lautmalerisch sind beide Werke, Sibelius aber setzt den Focus anders. Sibelius lässt das Orchester fließen und strömen, man hört das Kräuseln des Wassers. Drei “Wellen” sind es, die im Werk zu hören sind, dreimal formt sich sich das Meer, baut sich am Ende zu einer Woge auf und fällt in sich selbst zurück. Ungezwungen und frei.
Man schreibt es höchst ungern in der Verbindung mit dem Wort Klassik – aber es gibt Werke, die sind so populär, dass das Wort “Schlager” durchaus gerechtfertigt ist. Mozarts g-moll Sinfonie ist so ein Stück, eines das man kennt auch wenn man nicht so genau weiß was das eigentlich für ein Stück ist. Dass diese Sinfonie in zwei Fassungen besteht, darüber hat schon unser stellvertretender Soloklarinettist Andreas Oberaigner Auskunft gegeben. Deren Einsätze und Themen wird man im Konzert nach dem Lesen des Textes sicherlich aufmerksamer verfolgen als bisher. Dabei ist es erstaunlich wie konzentriert eigentlich das Motiv des ersten Satzes ist: Ein Wiederholung von Es und D und am Ende ein Oktavsprung, der die selbe Note nur etwas höher erreicht. Pause. Und dann von diesem hohem B ein Abwärts-Schwung nach unten bis das C erreicht ist. Ob es an dieser Einfachheit des Themas liegt, dass die Sinfonie so beliebt ist? Am Menuett kann es kaum liegen, das ruppig nach dem zweiten Satz an unser Ohr dringt. Wobei man genauer hinhören sollte: Leicht könnte man zu Beginn nämlich aus dem Takt kommen… Zum Tanzen ist dieses Menuett jedenfalls nicht gedacht, das sich dann schnell in den gewohnten Dreiertakt einfindet. Der letzte Satz zündet dann raketenartig in die Höhe und überascht mit diversen Forte-Stellen. Und den Pausen. Sechs Schläge setzt das Orchester aus bevor es zum Schluss findet. Ein Atemanhalten vor der letzten Erkenntnis? Das wäre sicherlich zu hoch gedacht. Doch wer bei Mozart nur an Harmonie denkt, sollte zumindest bei diesem Satz nachdenklich werden.
Prokofjews fünfte Sinfonie op. 100 ist dem Komponisten zufolge ein “Lied des freien, glücklichen Menschen”. Ein gewisses Maß von Skepsis schleicht sich da doch beim Hörer der ersten beiden Sätze ein – ist da nicht eine Spur zuviel Schlagwerk im ersten Satz als dass man wirklich annehmen könnte der Mensch sei hier glücklich? Und dann bricht dieser Satz ebenso wie der zweite so unvermutet ab – assoziiert man nicht mit Glücklichsein doch eher ein – nun – Happy End im Hollywood-Soundtrack-Gewand? Und dieser zweite Satz, dieses Allegro marcato ist fast schon eine Spur zu unheimlich. Die Musik des Happy-Endings jedenfalls folgt dann sogleich im dritten Satz auch prompt. Zumindest zu Beginn erinnert er an die sanfteren Klänge des Balletts “Romeo und Julia”, dies bleibt allerdings nicht lange so – ein drastischer Klanghöhepunkt – dann fällt das Orchester wieder in die sanfte Träumerei zurück. Ebenfalls sanft und langsam beginnt der letzte Satz, bevor er ein Rondothema fast schon vor sich hertreibt – zumindest gegen Ende hetzen die Streicher auf einmal durch die Noten, spielt ein Quartett gar “falsche Noten” – und so wirkt das Ende des Satzes dann keineswegs heroisch. Sondern eher ironisch. Die Entwicklung des freien, glücklichen Menschen, auch das könnte man aus dieser Sinfonie ohne weiteres heraushören, der heroische Versuch sich gegen das Schicksal zu stemmen im ersten Satz, das Versinken in alte Gewohnheiten im dritten, aus dem man kurz wieder auffährt um dann schlussendlich doch zu seiner Freiheit zu finden. Auch das ist möglich. Ob man die Sinfonie nun eher ironisch oder doch eher heroisch nennt – eines ist sie sicherlich: Klangvoll und mächtig.






03:40 Uhr
Ein Tipp zum, Thema Meer: Ein ganz tolles, sehr lautmalerisches Stück ist von Arnold Bax “On the Sea Shore”. Das hätte auch gut in das Programm gepasst ….
Schöne Ferienzeit!