11. Philharmonisches Konzert | Melodische Wellen
Atemlose Stille nach dem letzten Ton. Unser Dirigent Jonathan Darlington lässt diese letzten Takte der “Sea Symphonie” von Ralph Vaughan Williams bewußt noch etwas im Raum stehen bevor er die Arme senkt – er lässt Raum zum Atmen und Nachdenken. Denn die “Sea Symphonie” beschäftigt sich zwar auch mit dem Ungetüm Meer, aber Schiff, Meer und Weite sind weitaus mehr als sie selbst. Sie sind Metaphern.
Bevor aber in der ersten Sinfonie Vaughan-Williams das Meer den Zuhörer überrollt – die Wucht dieser Musik einen mitreißt und man zuerst gar nicht auf den eigentlichen Text achten möchte beendeten wir die Reihe der großen Geigerinnen mit Frederieke Saeijs und Musik, die vielleicht nicht gerade von der See an sich erzählt. Inspiriert worden ist sie aber mit Sicherheit davon: Max Bruchs “Schottische Fantasie für Violine und Orchester Es-Dur op. 46″. Schon Haydn hatte eine Vorliebe für das schottische Volkslied, Bruch hat in seinem Leben ebenfalls Volksliedforschung betrieben. Seine “Schottische Fantasie” basiert auf Liedern, die hierzulande nicht so bekannt sind. Deswegen vielleicht ist es etwas schwieriger herauszuhören wann Bruch nun schottische Volkslieder zitiert. Unmöglich ist das aber nicht.
Denn da ist der Bordunsatz – wie beim Dudelsack wird in der Fantasie ein Ton von den Instrumenten gehalten, während diese die Melodie spielen, dann gibt es einen Widerhall des typischen Geigenklangs, den man mit Pubs auf der Insel assoziiert – im Orginal darf der dann auch schon mal etwas schiefer klingen als im eigentlichen Konzert natürlich – und Bruch schreibt ein wunderbaren ersten Satz bei dem die Harfe eine große Rolle spielt. Harfe und Geige – ob man diese heutzutage noch in einem typischen Pub auf der Insel findet? Vermutlich. Im letzten Satz geht es dann hörbar kriegerisch zu. “Scots wa hae” gehört zu einer der inoffiziellen schottischen Nationalhymnen – The Flower of Scotland und Scotland the Brave sind die beiden anderen. Der Text des Liedes feuert die Armee einer bevorstehenden Schlacht an: “Liberty’s in every blow…” Wenn man den Geigen hier zuhört, dann kann man sich schon eine marschierende Armee vorstellen, die mutig mit Ross und Reiter in den Kampf zieht.
Fußt Bruchs Fantasie auf schottischen Volksliedern so bezieht sich die “Sea Symphonie”, deren überwältigende erste Takte die hochaufschäumenden Wellen malen, auf die Lyrik von Walt Whitman. Sicherlich erzählen dessen Gedichte viel von der See, von Schiffen, von Wellen. Doch bei Whitman sind sie Metaphern, steht das Schiff für die Seele an sich und das Meer für das Leben. Im ersten Satz der Symphonie wird das noch nicht allzu deutlich, hier setzt Vaugn Williams die Winde für die diversen Schiffe in Szene die das Meer befahren. Doch im zweiten Satz, dem Nachtbild, blickt der Mensch auf die See und in ihr sieht er das, was kommt, was war, alles ist mit allem verbunden. Das hat mit dem Christentum nun wenig zu tun, obwohl im vierten Satz explizit auf Gott und Jesus referiert wird. Eher herrscht im zweiten Satz der Pantheismus vor: Alles ist mit allem verbunden, Gott ist in allen Dingen. Eine Nachtstimmung die Vaughn Williams kongenial eingefangen hat.
Die schäumenden, flüssigen, aufwirbelnden Wellen hat Vaughn Williams im dritten Satz vertont, dem Scherzo der Symphonie. Das Schäumen und Brausen des Beginns der Symphonie taucht hier wieder auf, Wellen umspielen die Schiffe, werden von ihnen selbst durchbrochen. Im letzten Satz dann schafft Vaughn Williams gegen Ende eine Musik, die das Losfahren der Seele gen Himmel spürbar macht. Alle Anker sind gelöst, alle Taue durchschlagen, die Segel sind fest im Wind und da alles Meer in der Hand Gottes ist – oder alle Meere Gott sind, “are they not all seas of god” wäre auch durchaus so lesbar – ist das, was den Menschen erwartet nichts Furchtsames. Nichts Schreckliches. Sondern eine Reise in die Unendlichkeit. Ein Schweben am Ende wenn die letzten Töne verklungen sind. Erst der Applaus des Publikums holt den Zuhörer wieder zurück auf die Erde.







15:29 Uhr
Schöne Fotos und ich hoffe es war ein erfolgreiches Konzert….wäre gern dabei gewesen.
Liebe Grüsse aus Bayreuth
Matthias Bruns