10. Phil. Konzert | Diashow
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Original und Fälschung. Wie die Katze auf der Lauer beugt sich Julian Jia über das Klavier, als gälte es jeden Lauf in Mozarts Klavier Konzert KV 59 zu erwischen. Dann wiederum schweben seine Hände wie ein Adler über der Tastatur bereit zum Anschlag. Zur Diashow
Sein Charme und seine unbekümmerte Leichtigkeit, scheinen perfekt auf die mozartsche Musik zugeschnitten zu sein. Doch bei aller Leichtigkeit ist Mozarts letztes Klavierkonzert zugleich ein Beweis dafür, daß der Mittdreißiger auch Tiefe und bisweilen Abgründe in sich trug. Natürlich – das Werk ist Mozarts letztes Klavierkonzert, da liegt es nahe den Tod im langsamen, schon auf die Romantik hindeutenden 2. Satz “Larghetto” vertreten zu sehen. Der Kontrast der beiden anderen Sätze zeigt. daß Mozart einen einfacheren Stil zu entwickeln begann. So verwendete er im 3 Satz, im 5. und 6. Satz ein Zitat aus ” Cosi fan tutte”, daß nicht einfacher hätte sein könnte. Zudem befindet sich das erste Motiv dieses Satzes mit einer einfacheren Begleitung in dem Lied “Sehnsucht nach dem Frühling” – “Komm lieber Mai und mache…” wieder. Dies enstand allerdings nur wenig später. Mozart wird sein himmlisches Vergnügen gehabt haben, so wie Julian Jia, der das Rondo mit der brilianten Kadenz der eine 33-taktige Coda folgt als Beschwörung des kommenden Frühling auffasste. Ungewöhnlich, aber und vielleicht doch ein Hnweis auf zumindest den Anflug einer Todesahnung : Das A-Moll Seitenthema im 1. Satz – bei dem Jia bewies, daß er auch diesen Schachzug Mozarts nachvollziehen konnte. Zudem durchläuft das Haupthema des ersten Satzes eine atemberaubende Verrückung durch die Tonarten. Julian Jia gewann dann das Publikum durch seinen grandiosen Zugaben.Fotos: Christoph Müller-GirodGibt es bei Bruckner “Originale” und “Fälschungen”?Kein Komponist der Romantik arbeitet seine Werke so oft um wie er. So strich Bruckner bei der dritten Symphonie in d-moll in der zweiten Fassung sämtliche Wagner Zitate. Ist daher die Wiener Fassung die Alexander Joel mit unseren Musikern einstudierte das Original und somit die bessere Fassung? Eine Frage, welche die neue Werkausgabe Bruckners beantwortet: Hier stehen alle Varianten gleichwertig nebeneinander stellt.Wer allerdings Wagner n dieser Symphonie erkennen möchte , muß genauer hinhören, denn Bruckner ist kein andächtiger Wagner-Nachahmer. Bruckner ist eigenständig – kann allerdings im reichlich walzerischen Teil seine österreichischen Wurzeln nicht verleugnen. Doch gerade diese träumerische Leichtigkeit in ihrer glänzenden Instrumentierung beweist, daß Bruckner ein Meister im Bewahren der alten Form ist, diese aber durchaus mit neuen Inhalten und neuen ideen füllen kann. Alles in allem bot das 10. Philharmonoische Konzert eine spannende Begegnung zwischen Wiener Klassik und der Romantik.





10:56 Uhr
Gestern habe ich mir etwas Gutes getan. Zum ersten Mal (endlich!) habe auch ich vor dem Konzert die exzellente Einführung von Herrn Dr. Gerd-Heinz Stevens mitbekommen. Vielen Dank! Was an Reichhaltigem in so einer halben Stunde man nicht alles übermitteln kann! Sehr beeindruckend. Und doch: Vielleicht hatten die Musikbeispiele eine etwas zu hohe Qualität und Klangqualität. So nämlich hatte der junge Pianist ZhiChao Julian Jia gleich danach die horrende Aufgabe, diesem Anspruchsmaß gewachsen zu sein. Das Orchester, scheint mir, löste gestern diesen Anspruch ein, bevor der erste Ton, die erste Passage des (immerhin durchweg guten, aber bei Mozart eben noch nicht immer sehr guten) Pianisten erklang. Mit dem zweiten Satz des Konzertes war ich vollends zufrieden, mit dem dritten zunächst auch, aber wie beim ersten eben nicht durchgängig. Nur einmal zuvor habe ich dieses letzte, mir besonders liebe Klavierkonzert Mozarts im Konzertsaal gehört, mit einer damals zwar solide, aber leider etwas mattroutiniert spielenden Ingrid Haebler, von der ich zuvor doch schon so gute Mozart-, Haydn-, Schubert- und Johann Christian Bach – Aufnahmen kennengelernt hatte. Die großen beispielhaften Aufführungen gerade dieses Konzertes kenne ich bisher nur von der Schallplatte her: Von einer unvergesslichen mit Clara Haskil und dem Sinfonieorchester des Bairischen Rundfunks unter Ferenc Fricsay und einer etliche Jahre späteren mit Emil Gilels und den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm. Aber es stimmt schon, der noch so junge und wie gesagt doch auch durchweg gut spielende Förderpreisträger des Landes NRW Z. J. Jia darf noch nicht an den ganz großen Vorgängern gemessen werden. Dass er außerordentlich gut Klavier spielen kann, hat er zudem spätestens mit seinen beiden Zugaben (von Eric Satie die eine? und von Manuel Falla die andere?) bewiesen. Da war der Fisch ganz in seinem Wasser. Da fühlte er sich sichtlich wohl – und hörbar zu Hause.
Für den Bruckner nach der Pause danke ich hingegen ganz uneingeschränkt. Zumal ich bei solchen Konzerten auch immer erst etwas bange bin; bei Mozart der heiklen Intonation der Holzbläser wegen und bei Bruckner wegen der jeweils bevorstehenden Einsätze der Hörner und Trompeten. Da wünsche ich dem Orchester und den Werken (und egoistischerweise auch mir) ein völlig unverfälschtes, unbeeinträchtigtes Ertönen und Erklingen. Die Dritte Symphonie Anton Bruckners war übrigens meine erste Bruckner-Schallplatte. Mit ungefähr 19 Jahren habe ich sie mir für 8 oder 10 DM auf Verdacht hin zugelegt und so die Dritte Bruckner zum allerersten Mal gehört. Immerhin eine Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam unter Bernard Haitink! Alle Sätze haben mir auf Anhieb gefallen: der geheimnisvolle Beginn, der wundervoll spannungsvolle langsame Satz, das kräftige Scherzo mit dem (übrigens gerade gestern besonders gut gelungenen) Ländler-Mittelteil und der beeindruckende Schlusssatz. Allerdings so ganz neu und fremd war mir Bruckner damals schon nicht mehr. Über die Siebte, dann die Neunte und Vierte, über die Scherzi und langsamen Sätze zumal, war ich bereits zu ihm gekommen. Und doch war die Dritte damals eine neuerliche (seitdem unverzichtbare) Entdeckung für mich.
Einmal hörte ich mir als Heranwachsender am Abend im WDR ein Symphoniekonzert mit Bruckners Siebter an. Meine Mutter war müde und hatte sich schon im ans Wohnzimmer angrenzenden Schlafzimmer zum Schlafen niedergelegt und war wohl auch schon eingeschlafen. Bis sie durch Bruckners Wucht wieder jäh aus dem ersten Schlaf gerissen wurde. Ich hatte nicht mit Bruckners Kontrasten gerechnet. Oder auch nicht rechnen wollen, da ich – bis heute! – ein musikalisches Werk auch nicht durch ständiges Lautstärkeregeln verfälschen will. Der komponierte Kontrast muss hörbar sein. In Anbetracht des Zorns meiner Mutter – sie sei fast aus dem Bett gefallen – habe ich die Symphonie, die ich zum Glück schon kannte, damals nicht zu Ende gehört, sondern innerlich grollend, aber rücksichtsvoll, das Rundfunkgerät ausgeschaltet. Gestern allerdings konnten sich ganz ungehemmt und in voller Vehemenz Bruckners Kontraste entfalten. Wo sonst, wenn nicht im Konzertsaal?
19:03 Uhr
Hallo Landsberger,
vielen Dank für Ihren ausführlichen und persönlichen Bericht!
Jetzt gehe ich gleichwohl vorbereitet in das Konzert.
Bis Samstag,
Frank Tentler