10. Philharmonisches Konzert | Historische Entwicklungen
Dirigent Jan Willem de Vriend hatte in diesem Konzert den niederländischen Beethoven an den Schluss des Programms gesetzt. Er führt den Hörer in diesem Programm von der Leichtigkeit Mozarts über die heitere Seite Schuberts bis zum romantischen Duktus Wilms.
Prachtvoll und pompös kommt die Ouvertüre zu “Idomeneo” daher – das darf man bei einer Oper in der es um einen König und einen Gott geht auch erwarten. Dabei greift das Sujet auf ein sehr altes Motiv zurück, welches man in der Bibel im Buch der Richter findet. Die Geschichte von Jephta gleicht der von Idomeneo – bis auf einen entscheidenden Moment. Denn während der Richter Jephta sein Gelübde, Gott das Erste zu opfern was ihm nach der Schlacht begegnet tatsächlich einlöst – der Bibeltext legt das ziemlich deutlich nahe – ist es in Mozarts Oper der Deux ex machina, der Gott aus der Maschine, der für ein gutes Ende sorgt. Die Ouvertüre allerdings ahnt noch nichts von den schweren Prüfungen des Königs, denn wenn sie leise verklingt befindet sich Idoemenos Sohn Idamante am Strand und bekommt bald von einem Boten die Nachricht, dass sein Vater gesund aus dem Krieg gegen die Trojaner heimkehren wird. Dass die Musik dann glorreich und herrlich ist, wen wunderts. In der Balletmusik allerdings, die das lieto fine, das gute Ende der Oper feiert, in dieser Musik jedoch ist ab und an ein Schatten zu hören. Mollklänge trüben das strahlende Bild. Es ist als wolle Mozart daran erinnern, dass die Oper vielleicht doch so hätte ausgehen können wie damals die Geschichte mit Jephta. Schlussendlich aber überwiegt dann doch das Aufatmen: Alles ist gut, das Orakel hat gesprochen, Poseidon kann besänftigt werden und die Liebenden finden am Ende zueinander trotz der zahlreichen Verwicklungen und Irrungen. Ende gut, alles gut.
Leichtigkeit und Seligkeit – bis zum dritten Satz zeichnet das auch Schuberts 5. Sinfonie aus. Heiter und sorglos kommt der erste Satz daher, überbordende Freude in den Streichern, überhaupt scheint dieser Satz die strenge Form der Klassiker durchbrechen zu wollen. Er tut es aber nicht: Es gibt die zwei Themen, die im Sonatenhauptsatz die Hauptrolle spielen, es gibt das kompositorische Durchdenken derselben und zum Schluss nochmal die Wiederaufnahme. Dann ist das zweite Thema allerdings dem ersten von der Tonart gleichgestellt. Der zweite Satz: Ein himmlisch-schönes Gebilde, Musik, die einem die Worte nimmt. Was folgt aber dann? Ein Menuett in düsterstem Moll. Und dabei keines, zu dem man wirklich tanzen wollen würde. Das Menuett als Tanzform hat sich schon längst überlebt in dieser Zeit, Ländler und Deutsche – die sind Schubert in diesem Satz jedenfalls näher als das steife Hofzeremoniell. Allerdings erst im Trio, das wieder den zart und schmeichelnd daherkommt bevor die Menuettwiederholung im grimmigen Moll den Satz beendet. Das Finale danach ist dann vielleicht als Äquivalent zu Mozarts Balletmusik zu sehen: Auch hier gibts durchaus einige Trübungen, die Streicher wirbeln bedrohlich – am Ende aber dann doch: Das Heitere.
Johann Wilhelm Wilms 7. Sinfonie übernimmt von Schubert dann das, was man den romantischen Duktus nenne würde. Eine sehr langsame kontrapunktische Einleitung in den Streichern und dann – ja – was ist das eigentlich für ein Motiv, dass man da als Erstes hört? Ist das etwa etwas gegen den Rhythmus gesetzt? Gar nicht so einfach zu sagen, schließlich wird das später ja nochmal wiederholt, aber dann scheint es doch etwas glattgebügelt. So ganz sicher ist man sich als Hörer da nicht. Aber wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich ist es dann doch. Ein Motiv gegen den Strich. Es wäre ungewöhnlich. Sicherlich hat Wilms die Welt der Sinfonie nicht erneuert. Doch man muss auf die Feinheiten hören – auf die Instrumentierung, auf den Posauneneinsatz im letzten Satz etwa. Wilms Klangsprache kommt der von Beethoven sicherlich recht nahe, bewahrt aber eine Eigenständigkeit, einen dann doch eher romantischen Duktus – vor allem wenn man zuvor Schuberts 5. Sinfonie gehört hat ist die Verwandschaft der beiden Komponisten in der Tonsprache nicht zu überhören. Schade, dass diese Sinfonie offenbar nicht zum Nachhören für zu Hause gibt – aber schön, dass sie nochmal am Donnerstag zu hören sein wird. Und dann könnte man vielleicht doch noch herausfinden, ob dieses Motiv im ersten Satz vielleicht doch eine Triole mit angebundener Achtel ist… Hmmm…








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